Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Der Fortbestand Ihrer digitalen Kunst ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis einer aktiven, forensischen Sicherungsarbeit.

  • Die Rettung beginnt mit der Schaffung eines „digitalen Terrariums“ – einer Emulation alter Systeme.
  • Rechtliche Vorkehrungen wie ein digitales Testament sind unerlässlich, um den Fortbestand über den eigenen Tod hinaus zu sichern.
  • Langfristige Konservierung erfordert eine detaillierte Dokumentation, die wie eine Partitur für zukünftige Rekonstruktionen funktioniert.

Empfehlung: Beginnen Sie sofort damit, Ihre Werke als technologische Tatorte zu betrachten und Beweise zu sichern, bevor die Spuren der Zeit sie unlesbar machen.

Die Netzkunst der späten 90er und 2000er Jahre existiert in einem fragilen Schwebezustand. Einst für Netscape Navigator oder den Internet Explorer 6 mit Flash-, Shockwave- oder Java-Plug-ins geschaffen, sind diese Werke heute digitale Ruinen, Geisterschiffe in einem Ozean aus inkompatiblen Browsern. Die meisten Künstler vertrauen darauf, dass ihre Werke irgendwie überleben werden, doch das ist ein gefährlicher Trugschluss. Die technologische Obsoleszenz ist kein Unfall, sondern eine unaufhaltsame Naturkraft der digitalen Welt. Es ist keine Frage, *ob* Ihr interaktives Werk stirbt, sondern *wann*.

Die üblichen Ratschläge – „machen Sie Backups“ oder „dokumentieren Sie Ihre Arbeit“ – sind zwar gut gemeint, aber sie kratzen nur an der Oberfläche eines tiefgreifenden Problems. Die wahre Herausforderung liegt nicht in der reinen Speicherung von Dateien, sondern in der Erhaltung des gesamten technologischen Ökosystems, in dem ein Werk lebt und atmet. Doch was, wenn der Schlüssel zur Rettung nicht in passiver Archivierung liegt, sondern in einer aktiven, fast forensischen Denkweise? Was, wenn Sie lernen müssen, wie ein Ermittler zu denken, der an einem technologischen Tatort Spuren sichert, bevor sie für immer verloren gehen?

Dieser Leitfaden ist Ihre Einführung in die digitale Forensik für Künstler. Wir werden nicht nur die Symptome des digitalen Verfalls beklagen, sondern Ihnen die Werkzeuge und die Denkweise an die Hand geben, um eine digitale Autopsie Ihrer eigenen Werke durchzuführen und sie für die Nachwelt zu konservieren. Von der Schaffung virtueller Schutzräume über die Klärung der rechtlichen Erbfolge bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit neuen Technologien wie der Blockchain werden wir einen umfassenden Plan zur Rettung Ihrer Kunst entwickeln.

Der folgende Artikel führt Sie durch die entscheidenden Schritte und Überlegungen, um das digitale Erbe Ihrer Kunst zu sichern. Das Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die Themen, die wir wie ein Archivar untersuchen werden, um Ihre Werke vor dem Vergessen zu bewahren.

Wie retten Sie interaktive Werke aus den 2000ern vor dem digitalen Tod?

Die Flash- und Shockwave-Ära hat unzählige interaktive Kunstwerke hervorgebracht, die heute auf modernen Browsern nicht mehr lauffähig sind. Der erste Schritt zur Rettung ist nicht die Migration, sondern die Stabilisierung des ursprünglichen Zustands. Dies erfordert die Schaffung eines „digitalen Terrariums“: eine isolierte, virtuelle Umgebung, in der das alte Betriebssystem, der alte Browser und die benötigten Plug-ins sicher weiterleben können. Dies ist der Kern der digitalen Forensik – die exakte Rekonstruktion der ursprünglichen Tatort-Bedingungen, um das „Opfer“ überhaupt untersuchen zu können.

Institutionen wie das ZKM Karlsruhe haben diesen Ansatz professionalisiert. Das 2004 gegründete Labor für antiquierte Videosysteme zeigt, wie durch den Erhalt lauffähiger historischer Hardware eine Brücke in die Vergangenheit geschlagen wird. Diese Arbeit ist eine Form der Spurensicherung im großen Stil, die sicherstellt, dass die Werke nicht nur als Code, sondern in ihrer ursprünglichen Interaktionsform erlebbar bleiben. Für einzelne Künstler ist die Virtualisierung der gangbarste Weg, diesen institutionellen Ansatz in kleinerem Maßstab nachzubilden.

Technisches Labor mit Emulationssystemen für digitale Kunsterhaltung

In diesem virtuellen Labor können Sie Ihr Werk in seiner nativen Umgebung ausführen, sein Verhalten dokumentieren und eine digitale Autopsie durchführen, um seine exakten Abhängigkeiten zu verstehen. Diese Emulation ist kein endgültiges Ziel, sondern ein unverzichtbarer erster Schritt für jede weitere Konservierungsstrategie. Es ist die Intensivstation, auf der Ihr Werk stabilisiert wird, bevor über langfristige Maßnahmen entschieden werden kann.

Ihr Plan zur Einrichtung eines digitalen Terrariums

  1. Virtualisierungssoftware beschaffen: Laden Sie VirtualBox oder VMware Player herunter und installieren Sie die Software auf einem modernen Computer. Dies ist die Grundlage Ihres Labors.
  2. Historisches Betriebssystem finden: Besorgen Sie sich ein ISO-Image eines alten Betriebssystems wie Windows XP oder Windows 98 aus legalen Archivquellen (z.B. Internet Archive).
  3. Virtuelle Maschine erstellen: Erstellen Sie eine neue virtuelle Maschine mit den passenden Spezifikationen (z.B. mindestens 512MB RAM für Windows XP) und installieren Sie das Betriebssystem.
  4. Umgebung isolieren: Deaktivieren Sie nach der Installation alle automatischen Updates und die Netzwerkverbindung nach außen, um die Stabilität der Umgebung zu gewährleisten.
  5. Abhängigkeiten installieren: Laden Sie kompatible Browser-Versionen (z.B. Netscape Navigator 9, Internet Explorer 6) und die exakt benötigten Plugins (Flash Player, Shockwave, Java) aus Archivseiten und installieren Sie diese in Ihrer virtuellen Maschine.

Wer zahlt die Domain-Gebühren, wenn der Künstler stirbt?

Ein Netzkunstwerk ist untrennbar mit seiner Adresse im Netz verbunden – der Domain. Doch was geschieht mit dieser Adresse, wenn der Künstler, der die jährlichen Gebühren entrichtet, verstirbt? Dieses Problem ist von enormer Tragweite. Allein in Deutschland waren Ende 2024 17.661.679 .de-Domains registriert. Jede davon ist ein potenzielles digitales Erbe, dessen Zukunft ungeklärt sein kann. Ohne eine klare Regelung fällt die Domain nach Ablauf der bezahlten Periode zurück in den freien Pool und das Kunstwerk verschwindet für immer aus dem Netz.

Die gute Nachricht ist, dass das deutsche Recht eine Lösung vorsieht. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in seinem wegweisenden „Facebook-Urteil“ von 2018 klargestellt, dass digitale Konten und Verträge Teil des vererbbaren Nachlasses sind. Dies bedeutet, dass Domains nach deutschem Recht vererbbar sind und auf die Erben übergehen können. Die Erben treten rechtlich in den Vertrag mit dem Provider (z. B. DENIC für .de-Domains) ein und übernehmen damit auch die Pflicht zur Zahlung der Gebühren.

Die praktische Umsetzung ist jedoch eine Hürde. Die Erben müssen ihre Erbberechtigung (meist durch einen Erbschein) gegenüber dem Provider nachweisen, um die Inhaberdaten ändern zu lassen. Dies setzt voraus, dass die Erben überhaupt von der Existenz der Domain und dem zuständigen Provider wissen. Ein Künstler, der die Langlebigkeit seines Werks sichern will, muss daher proaktiv handeln. Die Benennung eines „digitalen Testamentsvollstreckers“ und die Hinterlegung einer detaillierten Liste aller relevanten digitalen Besitztümer – Domains, Provider, Zugangsdaten – in einem Testament oder einer Vorsorgevollmacht ist ein entscheidender Akt der kuratorischen Selbstsorge. Ohne diese Vorkehrung ist selbst die beste rechtliche Grundlage wertlos.

Taugt die Blockchain wirklich zur Bewahrung von Netzkunst oder ist das ein Irrglaube?

In den letzten Jahren wurde die Blockchain, insbesondere in Form von Non-Fungible Tokens (NFTs), oft als Allheilmittel für die Probleme digitaler Kunst gepriesen. Die Idee eines dezentralen, unveränderlichen Registers zur Sicherung von Eigentum und Authentizität ist verlockend. Doch für die langfristige Konservierung von Netzkunst ist dieser Ansatz ein gefährlicher Irrglaube. Ein NFT ist in der Regel nicht das Kunstwerk selbst, sondern lediglich ein Verweis (ein Link) auf eine Datei, die auf einem zentralen Server oder einem dezentralen Speichernetzwerk wie IPFS liegt. Geht dieser Server offline oder verliert das IPFS-Netzwerk an aktiven Knoten, führt der Link ins Leere. Das „unveränderliche“ Token verweist dann auf einen digitalen Abgrund.

Die eigentliche Herausforderung der Netzkunst – die Erhaltung eines komplexen, interaktiven und oft instabilen technologischen Gefüges – wird von der Blockchain überhaupt nicht adressiert. Sie sichert einen Besitzanspruch, aber nicht die Lauffähigkeit des Werks. Ein kritischer Vergleich zwischen dem etablierten, zentralisierten Ansatz einer Institution wie dem ZKM Karlsruhe und der Blockchain-basierten Speicherung macht die Schwächen der letzteren offensichtlich.

Vergleich: Zentralisierte vs. Dezentrale Archivierung
Kriterium Zentralisierte Archivierung (ZKM) Blockchain-basierte Speicherung
Langzeitstabilität Institutionell gesichert seit 1989 Abhängig von Netzwerkaktivität
Kosten Staatlich gefördert Gas-Gebühren bei jeder Transaktion
Technische Expertise 300+ Geräte, spezialisierte Labore Smart Contract Kenntnisse nötig
Rechtssicherheit Deutsches Urheberrecht anwendbar Rechtslage unklar
Zugänglichkeit Kuratiert und dokumentiert Wallet und Private Keys erforderlich

Die forensische Aufgabe der Konservierung – Emulation, Dokumentation von Abhängigkeiten, Migration – erfordert spezialisierte Expertise und eine stabile institutionelle Infrastruktur. Die Blockchain verlagert die Verantwortung auf ein anonymes, volatiles Netzwerk und stellt hohe technische und finanzielle Hürden (Gas-Gebühren, Smart-Contract-Wissen). Sie ist ein Werkzeug für den Markt, aber kein Werkzeug für das Archiv. Sich auf sie zur Bewahrung zu verlassen, wäre ein fataler strategischer Fehler.

Wie dokumentieren Sie ein Werk, das nur durch Klicks der User existiert?

Viele Netzkunstwerke sind keine statischen Objekte, sondern prozesshafte, interaktive Systeme, die erst durch die Eingaben der Nutzer zum Leben erweckt werden. Die Dokumentation solcher Werke ist eine der größten Herausforderungen in der digitalen Konservierung. Einen bloßen Screenshot zu speichern oder den Quellcode abzulegen, ist wie der Versuch, eine Theateraufführung durch das Aufbewahren des Skripts und eines Bühnenfotos zu konservieren. Das Wesentliche – die dynamische Interaktion, die User-Journey, das ephemere Ergebnis – geht verloren. Die Spurensicherung muss hier weit über die reine Datensicherung hinausgehen.

Digitale Kunstkonservatoren wie die des ZKM erklären innovative Strategien zur Bewahrung digitaler Kunstwerke, die genau auf dieses Problem abzielen. Ein zentraler Ansatz ist die mehrschichtige Dokumentation, die das Werk aus verschiedenen Perspektiven erfasst. Dazu gehört nicht nur der Code, sondern auch die Aufzeichnung von beispielhaften Interaktionssitzungen. Tools wie Conifer (früher Webrecorder) ermöglichen es, eine komplette Browser-Sitzung inklusive aller dynamischen Elemente in einer interaktiven, wieder abspielbaren Datei zu archivieren. Dies ist die digitale Entsprechung einer Videoaufzeichnung einer Performance.

Abstrakte Darstellung von Benutzerinteraktionen als Lichtspur

Die Dokumentation muss systematisch erfolgen, um für zukünftige Archivare oder Forscher verständlich zu sein. Es geht darum, ein umfassendes Dossier zum „technologischen Tatort“ zu erstellen. Dazu gehören folgende Elemente:

  • Technische Spezifikationen: Eine vollständige Erfassung aller Abhängigkeiten – Hardware, Betriebssystem, Browser, Plug-in-Versionen.
  • Aufzeichnung der User-Journey: Nutzung von Screen-Recording-Tools, um verschiedene Pfade und Interaktionsmöglichkeiten zu demonstrieren.
  • Strukturiertes Künstlerinterview: Die Intention des Künstlers, die Funktionsweise und die erwartete Nutzererfahrung müssen explizit festgehalten werden.
  • Sicherung des Quellcodes: Der gesamte Code und alle externen Bibliotheken müssen in einem versionierten Repository (z.B. Git) gesichert werden.
  • Formale Metadaten: Eine Beschreibung nach etablierten Standards wie PREMIS hilft Maschinen, die technischen Abhängigkeiten in Zukunft zu verstehen.

Nur diese Kombination aus technischer, visueller und konzeptioneller Dokumentation kann die Essenz eines interaktiven Werks für die Nachwelt einfangen.

Verändert das Smartphone-Display die Aussage Ihres Desktop-Kunstwerks?

Die meisten frühen Netzkunstwerke wurden für eine spezifische Darstellungsumgebung konzipiert: einen 4:3-Desktop-Monitor mit Mausinteraktion. Die heutige Mediennutzung wird jedoch vom Smartphone dominiert – einem hochformatigen Touch-Display. Die bloße Übertragung eines Desktop-Kunstwerks auf ein mobiles Gerät kann dessen ursprüngliche Aussage und Ästhetik fundamental verändern oder sogar zerstören. Ein Werk wie Alexej Shulgins „Refresh“, das durch die Aneinanderreihung von Frames die Struktur des Browsers selbst thematisiert, verliert auf einem Smartphone-Browser ohne sichtbare Fensterrahmen seine kontextuelle Bedeutung. Die Migration ist hier keine technische Lösung, sondern eine potenziell problematische Neuinterpretation.

Dieses Dilemma hat zu einem Paradigmenwechsel in der Konservierung geführt, der unter dem Begriff „Variable Media“ bekannt ist. Statt zu versuchen, einen einzigen, starren Zustand des Werks zu erhalten, konzentriert man sich auf die Bewahrung seiner grundlegenden Regeln und Parameter. Wie die Variable Media Initiative der Guggenheim-Stiftung argumentiert, wird die Dokumentation zur Partitur, die unterschiedliche, aber gültige Aufführungen erlaubt.

Die Frage nach der variablen Medien: nicht ein starrer Zustand, sondern die Regeln und Parameter des Werks müssen konserviert werden.

– Guggenheim-Stiftung, Variable Media Initiative

Für den Künstler bedeutet dies eine grundlegende Entscheidung: Soll das Werk als historisches Artefakt in seiner ursprünglichen Umgebung emuliert werden (Strategie 1: Bewahrung)? Oder sollen die Kernideen des Werks auf neue Plattformen migriert werden, auch wenn dies eine Neuinterpretation erfordert (Strategie 2: Migration)? Beide Ansätze sind legitim, müssen aber bewusst gewählt und dokumentiert werden. Die schlimmste Option ist die unreflektierte, automatische Anpassung, die das Werk seiner ursprünglichen Intention beraubt. Der Künstler muss selbst zum Regisseur werden und festlegen, unter welchen Bedingungen sein Werk in Zukunft „aufgeführt“ werden darf.

Wie schreiben Sie eine Anleitung, damit das Werk auch in 100 Jahren korrekt aufgebaut wird?

Die langfristige Überlebensfähigkeit eines digitalen Kunstwerks hängt von der Qualität seiner Dokumentation ab. Stellen Sie sich vor, ein Archivar im Jahr 2124 findet eine Festplatte mit Ihren Dateien. Ohne eine detaillierte Anleitung wird er nicht in der Lage sein, das Werk zu rekonstruieren. Ihre Aufgabe ist es, eine „digitale Zeitkapsel“ zu erstellen – ein autarkes Paket, das alle notwendigen Informationen für eine zukünftige Rekonstruktion enthält. Diese Anleitung ist die wichtigste Spur, die Sie am „technologischen Tatort“ für die Nachwelt hinterlassen.

Diese Zeitkapsel muss sowohl von Menschen als auch von Maschinen lesbar sein. Sie muss über die reine Beschreibung hinausgehen und eine präzise, technische Blaupause des Werks liefern. Die Konservierungswissenschaft hat hierfür Standards entwickelt, die als Leitfaden dienen können. Der Kerngedanke ist Redundanz und Verständlichkeit über technologische Epochen hinweg. Eine solche Anleitung ist keine einfache Textdatei, sondern ein strukturiertes Bündel von Informationen.

Die Erstellung einer solchen Zeitkapsel ist ein akribischer Prozess, der sicherstellt, dass alle Puzzleteile für eine zukünftige Rekonstruktion vorhanden sind. Ein umfassendes Paket sollte folgende Elemente enthalten:

  • Versionierter Quellcode: Archivieren Sie den Code in mehreren relevanten Versionen, nicht nur in der finalen Fassung.
  • Portable Software-Umgebung: Fügen Sie eine portable Version des Browsers und die exakten Plug-in-Dateien bei.
  • Multiformat-Dokumentation: Erstellen Sie die textliche Dokumentation im langlebigen PDF/A-Format und zusätzlich als reine ASCII-Textdatei, um maximale Lesbarkeit zu gewährleisten.
  • Maschinenlesbare Metadaten: Verwenden Sie den PREMIS-Standard, um technische Abhängigkeiten (z.B. „benötigt Flash Player Version 7.0“) formal zu beschreiben.
  • Emulator-Konfiguration: Dokumentieren Sie die genauen Einstellungen der virtuellen Maschine (RAM, CPU, Grafik-Einstellungen), die für eine lauffähige Emulation notwendig sind.
  • Integritätsprüfung: Bündeln Sie alles in einem unkomprimierten Archivformat (z.B. TAR) und erstellen Sie Prüfsummen (SHA-256) für alle Dateien, um zukünftige Datenkorruption erkennen zu können.
  • Langlebige Speicherung: Speichern Sie die Zeitkapsel auf spezialisierten Medien wie M-DISCs, die eine Haltbarkeit von bis zu 1000 Jahren versprechen.

Wie bringen Sie ein Kunstwerk von 1995 auf Windows 11 zum Laufen?

Die Wiederbelebung eines Kunstwerks aus der Mitte der 90er Jahre auf einem modernen Betriebssystem wie Windows 11 ist ein Akt der technologischen Archäologie. Direkte Kompatibilität ist praktisch ausgeschlossen. Der Schlüssel liegt in der präzisen Emulation der ursprünglichen Laufzeitumgebung. Für viele Werke, die für MS-DOS oder frühe Windows-Versionen (wie Windows 3.1 oder 95) entwickelt wurden, hat sich DOSBox als ein Standardwerkzeug etabliert. Es emuliert nicht nur einen alten Prozessor, sondern auch die damalige Sound- und Grafikkarten-Architektur mit hoher Genauigkeit.

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Strategie ist die Wiederherstellung DOS-basierter Kunstwerke, wobei DOSBox als präzise Methode zur Wiederherstellung der ursprünglichen DOS-Laufzeitumgebung gilt. Tausende von erfolgreichen Emulationen alter Software und Spiele belegen die Wirksamkeit dieses Ansatzes. Die Herausforderung besteht darin, die exakte Konfiguration zu finden, die das Kunstwerk benötigt. Dies kann eine detektivische Arbeit sein, bei der verschiedene Einstellungen für CPU-Geschwindigkeit, Speicher und Grafikmodi ausprobiert werden müssen, bis das Werk stabil läuft.

Neben der Emulation gibt es die Strategie der „Bit-Preservation“. Hierbei werden die Daten Bit für Bit, also verlustfrei, auf neue Speichermedien kopiert. Dies bewahrt zwar die Originaldaten in perfekter Form, löst aber nicht das Problem der Lauffähigkeit. Die Bit-Preservation ist die Grundlage, die Emulation ist die Ausführung. Eine weitere, komplexere Strategie ist die Migration des Quellcodes. Dabei wird der alte Code (z.B. in Turbo Pascal oder C geschrieben) analysiert und in eine moderne Programmiersprache (z.B. C++ oder Python mit einer Grafikbibliothek wie SDL) übersetzt. Dieser Ansatz ist extrem aufwendig und birgt die Gefahr von Fehlern und unbemerkten Verfälschungen. Er sollte nur in Betracht gezogen werden, wenn die Emulation keine zufriedenstellenden Ergebnisse liefert.

Die Rettung eines „Cold Case“ von 1995 ist also eine Abwägung zwischen der reinen Bewahrung der Original-Bits, der authentischen Emulation der Laufzeitumgebung und der aufwendigen, aber potenziell zukunftssichereren Migration des Codes.

Das Wichtigste in Kürze

  • Aktive Rettung statt passivem Hoffen: Der Verfall digitaler Kunst ist unvermeidlich. Nur durch proaktive, forensische Methoden wie Emulation und detaillierte Dokumentation kann sie bewahrt werden.
  • Rechtliche Vorsorge ist Teil der Kunst: Ein digitales Testament und die Regelung des Domain-Erbes sind keine bürokratischen Nebensächlichkeiten, sondern essenzielle Bestandteile der Konservierungsstrategie.
  • Technologie kritisch hinterfragen: Verlassen Sie sich nicht auf Hype-Technologien wie die Blockchain zur Archivierung. Konzentrieren Sie sich auf bewährte, institutionelle Methoden und die Schaffung einer autarken „digitalen Zeitkapsel“.

Wem gehört das Copyright: Dem Prompter, der KI oder dem Trainingsdaten-Ersteller?

Die rasante Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz stellt das Urheberrecht vor fundamentale neue Fragen. Wenn ein Künstler ein Bild mittels einer KI wie Midjourney oder Stable Diffusion erzeugt, entsteht ein komplexes Geflecht potenzieller Rechteinhaber. Nach geltendem deutschem Recht ist die Lage für die KI selbst eindeutig: Sie kann kein Urheber sein. Das Urheberrecht schützt „persönliche geistige Schöpfungen“ (§ 2 Abs. 2 UrhG), eine Eigenschaft, die nur eine natürliche Person besitzen kann. Die KI ist rechtlich betrachtet ein Werkzeug, ähnlich wie ein Pinsel oder eine Kamera.

Die entscheidende Frage ist, wer das Werkzeug auf eine Weise bedient hat, die eine ausreichende Schöpfungshöhe erreicht. Hier wird die Situation unübersichtlich. Der „Prompter“ – also die Person, die die Texteingabe formuliert – könnte einen Urheberrechtsanspruch haben, wenn der Prompt außergewöhnlich kreativ, detailliert und originell ist. Ein einfacher Befehl wie „ein Bild von einer Katze“ wird dafür kaum ausreichen. Ein langer, poetischer und hochspezifischer Prompt hingegen könnte die notwendige Schöpfungshöhe erreichen.

Gleichzeitig bestehen potenzielle Rechte an den Komponenten, die die KI erst ermöglichen. Die Entwickler der KI-Software halten das Urheberrecht an ihrem Code, und die Ersteller der gigantischen Datensätze, mit denen die KI trainiert wurde, könnten ebenfalls Ansprüche geltend machen, insbesondere wenn ihre Bilder ohne Erlaubnis verwendet wurden. Die Rechtslage ist hier noch in der Entwicklung, aber die verschiedenen Ansprüche lassen sich wie folgt aufschlüsseln:

Rechtliche Ansprüche bei KI-generierter Kunst
Akteur Möglicher Rechtsanspruch Rechtliche Grundlage
KI-Software Entwickler Urheberrecht an der Software § 69a UrhG
Datenbank-Ersteller Leistungsschutzrecht § 87a UrhG
Prompt-Ersteller Fraglich, abhängig vom Schöpfungsbeitrag § 2 Abs. 2 UrhG
KI selbst Kein Rechtsanspruch möglich Nur natürliche Personen

Diese unklare Gemengelage ist ein rechtlicher „Tatort“ der Zukunft. Für Künstler, die mit KI arbeiten, bedeutet dies eine erhebliche Rechtsunsicherheit. Eine sorgfältige Dokumentation des Entstehungsprozesses, inklusive aller verwendeten Prompts und Versionen, ist daher unerlässlich, um im Streitfall den eigenen schöpferischen Beitrag nachweisen zu können.

Die Bewahrung Ihrer digitalen Kunst erfordert, dass Sie heute die Rolle des Archivars Ihrer eigenen Werke übernehmen. Beginnen Sie damit, Ihre Kunstwerke zu inventarisieren, ihre Abhängigkeiten zu dokumentieren und eine Strategie für ihre langfristige Erhaltung zu entwickeln.

Fragen und Antworten zur Konservierung von Netzkunst

Welche Metadaten-Standards eignen sich für digitale Kunstwerke?

PREMIS (Preservation Metadata: Implementation Strategies) und METS (Metadata Encoding and Transmission Standard) sind die etablierten Standards für die maschinenlesbare Beschreibung technischer Abhängigkeiten.

Wie lange sind digitale Speichermedien haltbar?

M-DISC Medien versprechen eine Haltbarkeit von bis zu 1000 Jahren, während normale DVDs nur 10-30 Jahre halten. Die Bit-Preservation-Strategie erfordert regelmäßige Migration auf neue Medien.

Was bedeutet das Konzept der ‚variablen Medien‘?

Statt einen starren Zustand zu konservieren, werden die Regeln und Parameter des Werks dokumentiert – die Anleitung wird zur ‚Partitur‘, die verschiedene Interpretationen zulässt.

Geschrieben von Jonas Lindberg, Medienkünstler und Creative Technologist, spezialisiert auf digitale Kunst, KI-Generierung und VR-Installationen. 10 Jahre Erfahrung an der Schnittstelle von Code, Hardware und Ästhetik.