Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung ist der Erwerb moderner Materialkunst kein Kampf gegen den Verfall, sondern der bewusste Einstieg in ein Prozessmanagement.

  • Die Materialbiografie eines Werkes zu verstehen, ist wichtiger als der Versuch, es künstlich „einzufrieren“.
  • Chemische Instabilität (z.B. Vergilben von Harz) ist oft eine unumgängliche Eigenschaft, keine fehlerhafte Herstellung.

Empfehlung: Wechseln Sie die Perspektive vom passiven Besitzer zum aktiven Prozessmanager, der den vom Künstler intendierten Wandel dokumentiert, steuert und rechtlich absichert.

Ein Kunstwerk aus Epoxidharz, das nach wenigen Jahren einen unschönen Gelbstich entwickelt. Eine Design-Ikone aus den 70er-Jahren, deren Kunststoff spröde wird und zu bröseln beginnt. Oder die berühmte Fettecke von Joseph Beuys, deren Zustand sich naturgemäß verändert. Für Sammler moderner Kunst sind dies keine hypothetischen Schreckensszenarien, sondern die materielle Realität. Die Investition in Werke, die bewusst auf vergängliche oder experimentelle Materialien setzen, ist immer auch eine Investition in einen fortlaufenden chemischen und physikalischen Prozess.

Die gängige Reaktion ist oft von Panik geprägt: Man versucht, den Verfall um jeden Preis zu stoppen, die Zeit anzuhalten und den vermeintlichen Originalzustand zu konservieren. Man hört Ratschläge zu Klimakontrolle und UV-Schutz, die zwar wichtig, aber oft nur ein Teil der Wahrheit sind. Doch was, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, einen aussichtslosen Kampf gegen die Natur der Materialien zu führen? Was, wenn die eigentliche Aufgabe des Sammlers eine andere ist?

Dieser Leitfaden verfolgt einen anderen Ansatz, der auf meiner Erfahrung als Restaurator für moderne Kunst basiert. Die Perspektive verschiebt sich vom passiven Bewahren hin zum aktiven Prozessmanagement. Es geht darum, die Materialbiografie jedes einzelnen Kunstwerks zu verstehen und den vom Künstler oft intendierten Wandel kontrolliert zu begleiten. Anstatt den Zerfall nur zu fürchten, lernen Sie, ihn zu managen – mit fundiertem Wissen über Chemie, Recht und Dokumentation. Wir werden uns ansehen, warum bestimmte Materialien altern, welche Eingriffe erlaubt und sinnvoll sind und wie Sie den Wert Ihres Kunstwerks langfristig sichern, gerade weil es sich verändert.

Die folgenden Abschnitte bieten Ihnen einen detaillierten Einblick in die spezifischen Herausforderungen und Lösungsstrategien für die häufigsten Problemfälle in Sammlungen zeitgenössischer Kunst. Dieser Artikel dient als praktischer Ratgeber, um Ihnen die notwendigen Werkzeuge an die Hand zu geben.

Warum Ihr Epoxidharz-Objekt nach 3 Jahren gelb wird und ob man das stoppen kann

Die kristallklare Ästhetik von Epoxidharz ist für viele Künstler und Sammler faszinierend. Doch die Enttäuschung ist oft groß, wenn das Objekt nach wenigen Jahren einen deutlichen Gelb- oder Braunstich annimmt. Dies ist kein Materialfehler, sondern eine inhärente chemische Eigenschaft. Die Hauptursache ist UV-Strahlung, die die Polymerketten im Harz aufbricht. Dieser Prozess, bekannt als Photooxidation, ist unaufhaltsam. Tatsächlich gibt es laut Herstellerangaben keine vollständig UV-beständigen Epoxidharze; selbst jene mit UV-Stabilisatoren verzögern den Prozess nur, anstatt ihn zu stoppen.

Als Sammler und Prozessmanager müssen Sie akzeptieren, dass ein vollständiger Stopp der Vergilbung unmöglich ist. Ihr Ziel ist die maximale Verlangsamung. Dies erfordert eine proaktive Strategie, die über das bloße Abstauben hinausgeht. Die folgenden Maßnahmen sind in der konservatorischen Praxis etabliert:

Vergleich von drei Epoxidharz-Proben in verschiedenen Vergilbungsstadien

Wie die visuelle Darstellung der Vergilbung zeigt, ist der Unterschied zwischen einer geschützten und einer ungeschützten Probe dramatisch. Eine aktive Prävention ist daher entscheidend für den Werterhalt. Die effektivste Strategie kombiniert mehrere Schutzebenen. Dazu gehören:

  • Standortwahl: Die strikte Vermeidung von direktem Sonnenlicht ist die wichtigste Einzelmaßnahme. Platzieren Sie das Werk in einem Raum ohne direkte Sonneneinstrahlung oder in einer Vitrine mit zertifiziertem UV-Schutzglas.
  • Lichtquellen: Verwenden Sie ausschließlich LED-Beleuchtung, da diese im Vergleich zu Halogen- oder Leuchtstofflampen einen deutlich geringeren UV-Anteil emittiert.
  • Zusätzliche Schutzschichten: Bei einigen Objekten kann das nachträgliche Auftragen eines speziellen UV-Schutzlackes durch einen Restaurator sinnvoll sein. Dies muss jedoch sorgfältig geprüft werden, um die Oberflächenästhetik nicht zu verändern.
  • Regelmäßige Kontrolle: Überprüfen Sie das Objekt jährlich bei konstantem Licht, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und Ihre Maßnahmen anzupassen.

Die Vergilbung von Epoxidharz ist ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit, die Materialbiografie eines Werks von Anfang an zu verstehen. Anstatt enttäuscht zu sein, können Sie den Prozess als informierter Manager steuern.

Die „Brösel-Falle“: Wie konserviert man Designobjekte aus den 70ern?

Möbel und Objekte aus den 1960er und 70er Jahren, insbesondere solche aus Polyurethanschaum (PU) oder frühen Kunststoffen, stellen Restauratoren vor enorme Herausforderungen. Diese Materialien wurden für den Gebrauch, nicht für die Ewigkeit konzipiert. Ihre chemische Instabilität führt dazu, dass sie mit der Zeit verspröden, zerfallen und buchstäblich zu Staub zerbröseln. Weichmacher dünsten aus, die Polymerketten brechen, und das Objekt verliert seine strukturelle Integrität. Ein berühmtes Zitat von Joseph Beuys fasst die künstlerische Haltung hinter solchen Prozessen perfekt zusammen, wie Arte Generali berichtet:

Daher ist die Natur meiner Skulpturen nicht festgelegt und abgeschlossen. In den meisten von ihnen setzen sich die Prozesse fort: chemische Reaktionen, Gärungen, Farbveränderungen, Verfall, Austrocknung. Alles befindet sich in einem Zustand der Veränderung.

– Joseph Beuys, Arte Generali – Konservierung und Restaurierung

Diese Philosophie des „intendierten Wandels“ stellt Sammler vor ein Dilemma. Eine vollständige Restaurierung, die das Objekt in einen Neuzustand versetzt, kann dem künstlerischen Konzept widersprechen. Ein reines Geschehenlassen führt jedoch zum Totalverlust. Die Lösung liegt in der Konsolidierung: Techniken, bei denen das bröselige Material mit speziellen Festigern durchtränkt wird, um den Zerfall zu stoppen, ohne das Erscheinungsbild massiv zu verändern. Dies sind hochspezialisierte Eingriffe, die ausschließlich von erfahrenen Restauratoren durchgeführt werden dürfen.

Fallstudie: Restaurierungsprojekt am ZKM Karlsruhe

Ein herausragendes Beispiel für den Umgang mit solchem Kulturgut ist das Projekt „a story that never ends“ am ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. Hier werden sieben bedeutende Medienkunstwerke aus den 1970er- und 80er-Jahren restauriert, die aufgrund von Materialzerfall teils jahrzehntelang nicht mehr ausstellbar waren. Mit innovativen Methoden, von der Stabilisierung zerfallender Kunststoffe bis zur Rettung historischer Videobänder, werden diese Werke bis 2025 wieder zugänglich gemacht. Dieses von der Wüstenrot Stiftung geförderte Projekt zeigt, dass selbst bei fortgeschrittenem Verfall eine Rettung möglich ist, wenn die richtigen Experten involviert sind.

Für Sammler bedeutet dies: Bei Objekten aus kritischen Materialien der 70er Jahre ist eine frühzeitige Begutachtung durch einen Fachmann unerlässlich. Warten Sie nicht, bis der Zerfall sichtbar wird. Eine präventive Konservierungsstrategie kann den Unterschied zwischen Erhalt und Totalverlust ausmachen.

Darf man die vertrocknete Orange in der Installation durch eine frische ersetzen?

Diese Frage berührt den Kern des Erhaltungsdilemmas bei ephemerer Kunst. Handelt es sich bei der vertrockneten Orange um einen Teil des Alterungsprozesses, der vom Künstler intendiert war, oder um eine austauschbare Requisite? Die Antwort ist selten einfach und birgt erhebliche rechtliche und konzeptionelle Fallstricke. Ein eigenmächtiger Austausch kann als unautorisierter Eingriff gewertet werden und die Authentizität und den Wert des Werkes zerstören. Die Willkür des Besitzers hat hier keinen Platz; entscheidend ist die dokumentierte Künstlerintention.

Als verantwortungsbewusster Prozessmanager müssen Sie methodisch vorgehen. Das Werkzertifikat ist hierbei Ihr wichtigstes Dokument. Im Idealfall enthält es präzise Anweisungen des Künstlers zum Umgang mit vergänglichen Komponenten. Fehlen diese, ist eine direkte Kontaktaufnahme mit dem Künstler oder dessen Nachlassverwalter zwingend erforderlich. Jede Entscheidung muss auf einer soliden, dokumentierten Grundlage stehen. Die folgende Checkliste fasst die notwendigen Schritte zusammen, um rechtlich und konzeptionell auf der sicheren Seite zu sein.

Ihr Plan zur Handhabung vergänglicher Komponenten

  1. Werkzertifikat prüfen: Analysieren Sie detailliert die Anweisungen des Künstlers zur Erhaltung und zum möglichen Austausch von Komponenten. Suchen Sie nach expliziten Vorgaben zur „Materialbiografie“.
  2. Genehmigung einholen: Kontaktieren Sie den Künstler oder den offiziellen Nachlassverwalter, um eine schriftliche Genehmigung für jeden geplanten Eingriff zu erhalten. Mündliche Absprachen sind unzureichend.
  3. Dokumentation erstellen: Führen Sie ein lückenloses Protokoll. Fotografieren Sie den Zustand vor, während und nach dem Austausch und notieren Sie Datum, Materialspezifikation und die Begründung des Eingriffs.
  4. Rechtliche Beratung: Ziehen Sie bei Unklarheiten oder fehlenden Anweisungen einen auf Kunstrecht spezialisierten Fachanwalt in Deutschland hinzu, um Urheberrechtsverletzungen zu vermeiden.
  5. Zukünftige Strategie festlegen: Erstellen Sie basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen einen klaren Handlungsplan, der auch zukünftigen Besitzern als Leitfaden für den Umgang mit dem Wandel des Werks dient.

Die Entscheidung zwischen Konservierung, Substitution oder dem Zulassen des Verfalls hängt stark vom Einzelfall ab. Das ZKM Karlsruhe unterscheidet hier verschiedene Strategien, deren rechtliche und finanzielle Implikationen für den Sammler erheblich sind.

Erhaltungsstrategien für vergängliche Kunstwerke
Strategie Anwendungsbereich Rechtliche Implikationen Kosten
Substitution Organische Materialien (Obst, Pflanzen) Künstlergenehmigung erforderlich Gering
Konservierung Stabilisierbare Materialien Werkintegrität bleibt erhalten Mittel bis hoch
Dokumentation Alle ephemeren Werke Urheberrecht des Fotografen beachten Gering
Emulation Technische/digitale Komponenten Konzeptuelle Integrität prüfen Hoch

Dieser strukturierte Ansatz verwandelt eine potenziell wertmindernde Handlung in einen wertsteigernden, weil gut dokumentierten und autorisierten Teil der Werkgeschichte.

Wie fotografieren Sie den Prozess, wenn das Kunstwerk als „vergänglich“ konzipiert ist?

Wenn der Wandel Teil des Kunstwerks ist, wird die Dokumentation selbst zu einem zentralen Element der Konservierung. Eine hochwertige fotografische und videografische Erfassung ist nicht nur eine Erinnerung, sondern die einzige Möglichkeit, die früheren Zustände des Werkes für die Zukunft zu bewahren. Dies geht weit über einen schnellen Schnappschuss mit dem Smartphone hinaus. Eine professionelle Dokumentation ist ein technischer Prozess, der Reproduzierbarkeit und Farbgenauigkeit gewährleisten muss.

Das Ziel ist, eine objektive visuelle Aufzeichnung zu erstellen, die es zukünftigen Generationen von Forschern und Restauratoren ermöglicht, den Verlauf der Veränderung nachzuvollziehen. Dies erfordert eine kontrollierte Umgebung. Standardisierte Beleuchtung, die Verwendung von Farbkarten (wie dem ColorChecker Passport) und Graukarten im Referenzbild sind unerlässlich, um eine korrekte Farbwiedergabe zu garantieren. Zudem sollte immer aus der gleichen Position und mit den gleichen Kameraeinstellungen fotografiert werden, um eine vergleichbare Bildserie zu erhalten.

Fotografin dokumentiert eine sich verändernde Installation in einem Museum

Die Dokumentation sollte nicht nur das Gesamtwerk, sondern auch wichtige Details und bereits sichtbare Veränderungen in Makroaufnahmen festhalten. Neben Fotos sind auch schriftliche Protokolle über den Zustand, das Raumklima und eventuelle Maßnahmen von großer Bedeutung. Diese kombinierte Dokumentation wird zur „Akte“ der Materialbiografie des Kunstwerks.

Fallstudie: Dokumentationsstandards des ZKM Karlsruhe

Das ZKM hat im Rahmen des Projekts „digital art conservation“ seit 2010 international anerkannte Standards für die Dokumentation vergänglicher Medienkunst etabliert. Diese Methodik ist auch auf analoge, sich verändernde Kunstwerke übertragbar. Sie umfasst hochauflösende Fotografie unter standardisierten Bedingungen, 3D-Scanning zur Erfassung der räumlichen Struktur, Videodokumentation des Werks in Funktion oder Bewegung und detaillierte technische Beschreibungen. Diese Standards, publiziert in Werken wie ‚RECORD > AGAIN!‘, dienen heute Museen weltweit als Referenz und zeigen den hohen Stellenwert einer methodischen Dokumentation.

Für Sie als Sammler bedeutet das: Planen Sie die Dokumentation als festen Bestandteil Ihrer Sammlungsstrategie. Beauftragen Sie einen professionellen Fotografen mit Erfahrung in der Kunst-Reproduktion oder eignen Sie sich die notwendigen technischen Kenntnisse an. Diese Investition sichert den historischen und konzeptionellen Wert des Kunstwerks, selbst wenn seine physische Form vergänglich ist.

Wovon sollten Sie die Finger lassen, wenn Sie eine Wertanlage für 30 Jahre suchen?

Wenn Ihr Hauptmotiv der langfristige Werterhalt über mehrere Jahrzehnte ist, erfordert dies eine extrem kritische Materialauswahl. Nicht jedes faszinierende zeitgenössische Kunstwerk ist als stabile Wertanlage geeignet. Als Restaurator rate ich, die Materialbiografie potenzieller Ankäufe nüchtern und fast schon forensisch zu analysieren. Einige Materialien sind mit so hohen inhärenten Risiken und Folgekosten verbunden, dass sie eher als Liebhaberobjekte mit hohem Wartungsaufwand denn als passive Investition zu betrachten sind. Experten des ZKM Karlsruhe bestätigen aus ihrer Restaurierungserfahrung, dass nach wenigen Jahren die meisten elektronischen Kunstwerke nicht mehr funktionsfähig sind ohne kontinuierliche, kostspielige Wartung.

Die größten Risikofaktoren sind eine hohe chemische Instabilität, eine extreme Anfälligkeit für Umwelteinflüsse oder die Abhängigkeit von nicht mehr verfügbarer Technologie. Die folgende Tabelle, basierend auf konservatorischen Erfahrungen und Risikobewertungen, gibt eine Einschätzung der Materialrisiken für langfristige Investitionen. Sie dient als Leitfaden, um potenzielle „Problemfälle“ frühzeitig zu identifizieren.

Basierend auf einer Analyse von Risikoprofilen in der modernen Kunstkonservierung, lässt sich eine klare Hierarchie der Materialbeständigkeit erkennen.

Materialrisiken für Kunstinvestitionen
Material Risikostufe Typische Lebensdauer Versicherbarkeit
Bronze/Edelstahl Niedrig 100+ Jahre Vollständig
Ölmalerei auf Leinwand Niedrig-Mittel 200+ Jahre Vollständig
Acrylmalerei Mittel 50-100 Jahre Vollständig
Epoxidharz Hoch 10-30 Jahre Mit Aufschlag
Digitale/Elektronische Kunst Sehr hoch 5-20 Jahre Eingeschränkt
Organische Materialien Extrem hoch 1-10 Jahre Oft nicht versicherbar

Für eine 30-jährige Wertanlage sollten Sie sich auf Materialien der Risikostufen „Niedrig“ bis „Mittel“ konzentrieren. Kunstwerke aus Epoxidharz, digitale Kunst oder Installationen mit organischen Komponenten (wie Schokolade, Fett oder Pflanzen) erfordern ein aktives, kostenintensives Prozessmanagement und sind mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Sie können emotional und künstlerisch äußerst wertvoll sein, sind aber aus rein finanzieller Anlagesicht als hochspekulativ einzustufen.

Warum Ihre Styropor-Installation im Museum wegen Ausdünstungen verboten werden kann

Styropor (expandiertes Polystyrol, EPS) ist bei Künstlern wegen seiner Leichtigkeit und Formbarkeit beliebt. In öffentlichen Ausstellungsräumen und Museen in Deutschland ist es jedoch ein zunehmend problematisches Material. Der Grund liegt nicht nur in seiner bekannten Brennbarkeit, sondern auch in seinen chemischen Ausdünstungen. EPS kann über Jahre hinweg Styrol-Monomere und andere flüchtige organische Verbindungen (VOCs) an die Raumluft abgeben. Diese Ausdünstungen können nicht nur gesundheitsschädlich sein, sondern auch andere, empfindlichere Kunstwerke im selben Raum angreifen und schädigen.

Aus diesem Grund unterliegt die Verwendung von Styropor in öffentlichen Gebäuden strengen Vorschriften. Die Muster-Versammlungsstättenverordnung (MVStättVO), die in vielen Bundesländern die rechtliche Grundlage für den Brandschutz in Museen bildet, klassifiziert unbehandeltes Styropor als leicht entflammbar. Dies führt dazu, dass Museen und Ausstellungshäuser die Annahme solcher Werke verweigern oder extrem kostspielige Brandschutzmaßnahmen (z.B. spezielle Beschichtungen oder Einhausungen) vom Künstler oder Leihgeber fordern. Vor großen Messen wie der Art Cologne oder bei Installationen im öffentlichen Raum führen der TÜV und die örtliche Bauaufsicht strenge Materialprüfungen durch. Eine nicht konforme Installation kann kurzfristig verboten werden.

Für Künstler und Sammler ist es daher entscheidend, sich frühzeitig mit den materiellen Anforderungen von Ausstellungsinstitutionen auseinanderzusetzen. Die deutsche Kunstszene hat bereits reagiert und setzt vermehrt auf sicherheitstechnisch unbedenkliche Alternativen, die eine ähnliche Ästhetik ermöglichen. Dazu gehören Materialien wie Basotect® (ein schwer entflammbarer Melaminharzschaum) oder andere zertifizierte, schwer entflammbare Hartschäume. Bei der Anschaffung einer Styropor-Installation sollten Sie daher immer die Ausstellbarkeit und die damit verbundenen potenziellen Folgekosten für Brandschutzmaßnahmen prüfen.

Warum GFK im öffentlichen Raum oft eine schlechte Wahl wegen Vandalismus ist

Glasfaserverstärkter Kunststoff (GFK) ist leicht, witterungsbeständig und relativ kostengünstig, was ihn zu einem beliebten Material für große Skulpturen im öffentlichen Raum macht. Aus konservatorischer Sicht und unter dem Aspekt der Langlebigkeit ist er jedoch oft eine problematische Wahl, insbesondere wegen seiner hohen Anfälligkeit für Vandalismus. Im Gegensatz zu massiven Materialien wie Bronze oder Edelstahl, die eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen mechanische Einwirkungen aufweisen, ist GFK relativ empfindlich.

Typische Vandalismusschäden an GFK-Skulpturen sind tiefe Kratzer, Risse, Brüche durch stumpfe Gewalt oder Delaminierung (das Ablösen der Schichten). Während Graffiti auf Bronze oft relativ einfach entfernt werden kann, führen mechanische Beschädigungen bei GFK fast immer zu strukturellen Problemen. Ein Riss beeinträchtigt nicht nur die Optik, sondern ermöglicht das Eindringen von Wasser, das im Winter durch Frost zu weiteren, massiven Sprengungen führen kann. Die Reparatur ist aufwendig und teuer, da oft ganze Segmente herausgetrennt und neu laminiert werden müssen. Die Fachgruppe Moderne Kunst des Verbands der Restauratoren (VDR) dokumentiert regelmäßig solche Fälle und warnt vor der trügerischen Robustheit des Materials.

Die Kosten für die Beseitigung von Vandalismusschäden sind ein wesentlicher Faktor bei der Materialwahl für öffentliche Kunst. Eine Analyse von Reparaturkosten durch Experten, wie sie auch am CICS der TH Köln gelehrt wird, zeigt deutliche Unterschiede.

Eine vergleichende Analyse der Reparaturkosten nach Vandalismus verdeutlicht die finanziellen Risiken von GFK.

Reparaturkosten nach Vandalismus (Schätzwerte)
Material Typische Schäden Reparaturkosten (€) Reparaturdauer
GFK Risse, Brüche, Delaminierung 5.000-25.000 4-8 Wochen
Bronze Kratzer, Graffiti 1.000-5.000 1-2 Wochen
Edelstahl Kratzer, Beulen 2.000-8.000 2-3 Wochen
Naturstein Absplitterungen, Graffiti 3.000-10.000 2-4 Wochen

Für Kommunen, Unternehmen oder private Sammler, die Kunst im öffentlichen Raum installieren, bedeutet dies eine wichtige Abwägung: Die geringeren Anschaffungskosten von GFK können durch die potenziell hohen und wiederkehrenden Reparaturkosten über die Lebensdauer des Kunstwerks mehr als aufgezehrt werden. Materialien wie Bronze oder Edelstahl sind in der Anschaffung teurer, aber langfristig oft die wirtschaftlichere und nachhaltigere Wahl.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Zerfall moderner Materialien ist kein Scheitern, sondern ein Prozess, der Management erfordert.
  • Die Künstlerintention und das Werkzertifikat sind rechtlich und konzeptionell wichtiger als der persönliche Geschmack des Besitzers.
  • Eine professionelle Dokumentation des Wandels ist eine Kernaufgabe der Konservierung und des Werterhalts.

Wie erhalten Sie Medienkunst am Leben, wenn die Hardware nicht mehr hergestellt wird?

Medienkunst, die auf spezifischer Hard- und Software basiert – seien es Röhrenmonitore, alte Computer oder spezielle Videoplayer –, ist die vielleicht fragilste Form zeitgenössischer Kunst. Ihre Achillesferse ist die technologische Obsoleszenz. Die Hardware fällt aus, Betriebssysteme werden nicht mehr unterstützt, und Ersatzteile sind nicht mehr verfügbar. Ein Werk kann so innerhalb weniger Jahre unaufführbar werden. Laut dem KUR-Projekt zur Erhaltung von Medienkunst, unterstützt von der Kulturstiftung des Bundes, haben physische Datenträger wie Videobänder, Filme, CDs und DVDs eine begrenzte Lebensdauer von nur 10-30 Jahren.

Der Erhalt von Medienkunst erfordert daher eine völlig andere Herangehensweise als bei traditionellen Kunstformen. Es geht nicht um die Konservierung des Original-Objekts, sondern um die Bewahrung des Konzepts und der Aufführbarkeit. Institutionen wie das ZKM Karlsruhe haben hierfür wegweisende Strategien entwickelt.

Fallstudie: Erhaltungsstrategien für Medienkunst am ZKM Karlsruhe

Seit 2004 betreibt das ZKM ein Labor für antiquierte Videosysteme und verfolgt drei Kernstrategien, um die Lebensdauer von Medienkunst zu verlängern: 1. Emulation: Die ursprüngliche Software wird auf moderner Hardware in einer virtuellen Umgebung nachgebildet. Das Look-and-Feel des Originals bleibt erhalten, während die Abhängigkeit von veralteter Technik entfällt. 2. Migration: Die digitalen Daten des Kunstwerks (z.B. ein Video) werden von einem veralteten Format (z.B. U-matic-Kassette) auf ein aktuelles, stabiles Format übertragen. Dieser Prozess muss regelmäßig wiederholt werden. 3. Re-Engineering: Wenn spezielle Hardware-Komponenten ausfallen und nicht mehr erhältlich sind, werden sie analysiert und nachgebaut. Dies ist die aufwendigste, aber manchmal einzige Methode.

Für einen privaten Sammler sind diese Strategien, insbesondere Emulation und Re-Engineering, kaum allein umsetzbar. Daher ist es beim Kauf von Medienkunst entscheidend, auf die „Zukunftsfähigkeit“ des Werks zu achten. Existiert bereits eine Erhaltungsstrategie des Künstlers oder der Galerie? Wird das Werk mit Migrationsrechten verkauft? Gibt es eine Edition, die auf aktuellerer Technik läuft? Ohne einen klaren Plan für die technologische Zukunft ist der Kauf von historischer Medienkunst ein hohes Risiko. Der Fokus liegt hier nicht auf der Erhaltung einer „Fettecke“, sondern auf der unermüdlichen Pflege eines fragilen, digitalen Ökosystems.

Die Bewältigung der technologischen Obsoleszenz ist die größte Herausforderung, um Medienkunst langfristig am Leben zu erhalten.

Häufige Fragen zum Materialzerfall in der modernen Kunst

Welche Materialien unterliegen besonderen Brandschutzvorschriften in deutschen Museen?

Styropor, expandierte Polystyrole und andere leicht entflammbare Kunststoffe müssen gemäß der Muster-Versammlungsstättenverordnung (MVStättVO) besondere Auflagen erfüllen oder können ganz verboten werden.

Wie werden Kunstinstallationen in Deutschland sicherheitstechnisch geprüft?

Der TÜV und die örtliche Bauaufsicht prüfen Installationen vor Ausstellungseröffnungen. Bei großen Messen wie der Art Cologne erfolgen Vorabprüfungen der Materialien.

Welche Alternativen zu Styropor werden in der deutschen Kunstszene verwendet?

Basotect (Melaminharzschaum), spezielle brandschutzbeschichtete Schäume und schwer entflammbare Hartschäume erfüllen die deutschen Sicherheitsstandards und bieten ähnliche ästhetische Möglichkeiten.

Geschrieben von Elias Vormann, Diplom-Restaurator und Dozent für Maltechnik mit Schwerpunkt auf historische und moderne Pigmente. Über 20 Jahre Erfahrung in der Konservierung an staatlichen Museen und als technischer Berater für Künstlerbedarf.