Veröffentlicht am März 11, 2024

Zusammenfassend:

  • Die Beherrschung des Malmessers basiert auf dem Verständnis von Druck und Winkel, nicht auf bloßen Zufall.
  • Die Wahl des richtigen Werkzeugs (Tropfen, Raute, Spachtel) entscheidet über den Effekt von feinen Linien bis zu großen Flächen.
  • Sauberkeit ist entscheidend: Ein schmutziges Messer zerstört die Leuchtkraft der Farben und führt zu „Matsch“.
  • Dicke Farbschichten benötigen spezielle Malmittel (Strukturpasten), um beim Trocknen nicht zu reißen.
  • Die Spachteltechnik ist nicht nur eine Methode, sondern auch ein Weg, um Emotionen kraftvoll auszudrücken.

Der Schritt vom Pinsel zum Malmesser fühlt sich oft wie ein Sprung ins kalte Wasser an. Sie haben eine Vision von kühnen, expressiven Texturen, doch auf der Leinwand entsteht stattdessen ein unkontrollierbares Durcheinander. Farben vermischen sich zu einem unerwünschten Braun, die teure Acrylfarbe türmt sich auf und am Ende reißt die prächtige Struktur beim Trocknen. Viele Ratgeber empfehlen dann simpel, einfach „mutig zu sein“ oder verschiedene Messerformen auszuprobieren. Doch diese Ratschläge kratzen nur an der Oberfläche und lassen Sie mit den eigentlichen technischen Problemen allein.

Aber was, wenn der Schlüssel zur Kontrolle nicht im Mut, sondern im Verstehen liegt? Was, wenn das Malmesser kein chaotisches Werkzeug, sondern ein präzises, fast bildhauerisches Instrument ist? Die wahre Meisterschaft der Spachteltechnik liegt im Verständnis der Werkzeug-Physik: dem Zusammenspiel von Druck, Winkel, Farbkonsistenz und der Spannung der Leinwand. Es geht darum, das vermeintliche Chaos gezielt als dynamisches Stilmittel einzusetzen, anstatt von ihm überrollt zu werden. Dieser Artikel führt Sie weg von frustrierenden Zufallsergebnissen und hin zu bewusster Kontrolle. Wir beleuchten nicht nur das „Wie“, sondern vor allem das „Warum“ hinter jeder Bewegung.

Für alle, die visuelle Anleitungen bevorzugen, bietet das folgende Video eine wunderbare Sammlung einfacher und effektiver Maltechniken. Es dient als perfekte visuelle Ergänzung zu den tiefgehenden handwerklichen Prinzipien, die wir in diesem Leitfaden erörtern.

In den folgenden Abschnitten werden wir die häufigsten Hürden beim Umgang mit dem Malmesser systematisch überwinden. Von der Kunst, Farben sauber auf der Leinwand zu mischen, über die Wahl des perfekten Werkzeugs für Ihren gewünschten Effekt bis hin zur Vermeidung technischer Pannen wie Rissbildung – Sie erhalten hier das handwerkliche Rüstzeug für beeindruckende Ergebnisse.

Wie Sie Farben direkt auf dem Bild mischen, ohne dass alles braun wird

Das größte Frustpotenzial beim direkten Mischen auf der Leinwand ist der gefürchtete „Matsch“. Dies geschieht, wenn Komplementärfarben (wie Rot und Grün oder Blau und Orange) zu stark vermischt werden und sich gegenseitig neutralisieren. Der Schlüssel liegt darin, die Farben nur anzudeuten, sie in Kontakt treten zu lassen, aber ihre vollständige Verschmelzung zu verhindern. Betrachten Sie es als einen Tanz der Farben, nicht als einen Kampf. Ein häufiger Fehler ist, das Malmesser flach aufzulegen und die Farben wie Butter auf einem Brot zu verstreichen. Dies führt unweigerlich zu einer homogenen, oft unattraktiven Masse.

Eine weitaus effektivere Methode ist die „gebrochene Farbe“-Technik. Hierbei nehmen Sie zwei oder mehr Farben auf Ihr Messer, verrühren sie aber nur ganz leicht mit ein oder zwei Bewegungen. Beim Auftragen auf die Leinwand bleiben so Adern und Schlieren der reinen Ursprungsfarben sichtbar. Das Ergebnis ist eine lebendige, vibrierende Fläche, die Tiefe und visuelles Interesse erzeugt. Sie können auch mit der Kante des Messers arbeiten, um klare, dünne Linien zwischen Farbflächen zu ziehen oder eine Farbe sanft in eine andere „hineinzuschieben“, ohne sie vollständig zu vermischen. Diese kontrollierte Art der Farbbegegnung ist das Geheimnis hinter professionell wirkenden, dynamischen Spachtelbildern.

Um die Kontrolle weiter zu erhöhen, hat sich die „Zwei-Messer-Methode“ bewährt. Ein Messer bleibt ausschließlich für das Aufnehmen reiner, unvermischter Farben aus den Tuben reserviert. Das zweite Messer wird zum Mischen und Auftragen auf der Leinwand verwendet. So verhindern Sie, dass Ihre reinen Farbtöpfe versehentlich kontaminiert werden und behalten stets die volle Kontrolle über die Brillanz Ihrer Palette.

Tropfen, Raute oder Japan-Spachtel: Welches Werkzeug für welchen Effekt?

Die Form Ihres Malmessers ist kein Zufall – sie ist direkt mit der Art der Bewegung und dem daraus resultierenden Effekt verknüpft. Die falsche Wahl des Werkzeugs für eine bestimmte Aufgabe ist eine häufige Quelle der Frustration. Anstatt eines generischen Sets ist es sinnvoller, wenige, aber gezielt ausgewählte Messer zu besitzen, deren Funktion Sie verstehen. Ein breiter, gerader Spachtel wird beispielsweise aus der Schulter bewegt und eignet sich perfekt, um kraftvoll große, gleichmäßige Flächen für Hintergründe oder einen Himmel zu schaffen. Ein kleines, spitzes Messer in Tropfen- oder Rautenform hingegen erfordert feine Bewegungen aus dem Handgelenk und den Fingerspitzen, ideal für Details, Akzente und das Setzen von scharfen Lichtkanten.

Nahaufnahme verschiedener Malmesser und Spachtel mit unterschiedlichen Klingen und Texturen

Jede Klinge hat ihre eigene Sprache. Der Japan-Spachtel, oft eine flexible, rechteckige Klinge ohne Griff, wird ziehend eingesetzt, um extrem glatte Oberflächen und Farbverläufe zu erzeugen, die an Wasser oder sanfte Horizonte erinnern. Ein langes, schmales Messer wiederum lädt zu seitlichen, fast schneidenden Bewegungen ein, die dynamische, abstrakte Linien erzeugen. Wie die Künstler von Künstlerstreich UG in ihrem Tutorial zur Malmesser-Technik erklären:

Hier siehst du, wie ich das Malmesser quer auf die Leinwand halte. Ich habe ebenfalls Farbe drauf, drücke das Malmesser an und ziehe es eher zur Seite. Als würde ich etwas schneiden wollen.

– Künstlerstreich UG, Malmesser Technik Tutorial

Die folgende Tabelle gibt Ihnen einen praxisnahen Überblick, welches Werkzeug für welchen Zweck am besten geeignet ist und hilft Ihnen, Ihre Werkzeugwahl bewusst zu treffen, anstatt dem Zufall zu überlassen.

Vergleich verschiedener Malmesser-Typen und ihre Effekte
Messertyp Bewegung Effekt Beste Verwendung
Breiter Spachtel Schulterbewegung Kraftvolle, große Flächen Hintergründe, Himmel
Kleines spitzes Messer Fingerspitzengefühl Detaillierte Akzente Highlights, feine Linien
Japan-Spachtel Ziehende Bewegung Glatte Übergänge Farbverläufe, Wasser
Malmesser mit langer Klinge Seitliche Bewegung Breite Farbaufträge Abstrakte Linien

Warum ein schmutziges Malmesser die Brillanz Ihrer Farben ruiniert

Einer der am meisten unterschätzten, aber kritischsten Aspekte der Spachteltechnik ist die Sauberkeit der Werkzeuge. Ein mit alten Farbresten verschmutztes Malmesser ist der schnellste Weg, die Leuchtkraft und Reinheit Ihrer Farben zu zerstören. Jeder getrocknete Krümel, jeder Rest einer anderen Farbe mischt sich unweigerlich in den frischen Farbauftrag und trübt ihn. Das Ergebnis sind stumpfe, „schmutzige“ Töne, die dem Bild jede Frische nehmen. Tatsächlich zeigen Studien zur Farbmischung einen Verlust der Farbleuchtkraft von bis zu 60%, wenn permanent mit kontaminierten Werkzeugen gearbeitet wird.

Die Vorstellung, das Messer nach jedem einzelnen Farbauftrag reinigen zu müssen, mag mühsam erscheinen. Doch genau dieser Rhythmus unterscheidet den Amateur vom Profi. Es geht nicht darum, steril zu arbeiten, sondern bewusst zu entscheiden, wann eine Vermischung gewollt ist und wann nicht. Wenn Sie ein leuchtendes Gelb neben ein tiefes Blau setzen wollen, muss das Messer absolut sauber sein. Andernfalls erhalten Sie unweigerlich einen Grünstich an der Kontaktstelle, ob Sie wollen oder nicht.

Die Lösung ist ein einfacher, aber disziplinierter Arbeitsablauf. Ein Stapel Papiertücher oder ein alter Lappen sollte immer griffbereit sein. Nach jedem Farbwechsel wird das Messer kurz, aber gründlich abgewischt. Dieser Handgriff muss zur zweiten Natur werden, eine automatische Bewegung, über die Sie nicht mehr nachdenken müssen. Für eine noch bessere Organisation ist die Zwei-Messer-Methode ideal, die wir bereits beim Farbmischen erwähnt haben. Ein Messer für reine Farben, ein zweites für Mischungen und den Auftrag. Dies minimiert den Reinigungsaufwand und maximiert die Farbbrillanz.

Ihr Aktionsplan für brillante Farben: Die professionelle Zwei-Messer-Methode

  1. Messer 1 (z. B. mit grünem Band markiert): Reservieren Sie dieses Messer ausschließlich für die Entnahme von reinen, unvermischten Farben direkt aus der Tube oder dem Topf.
  2. Messer 2 (z. B. mit rotem Band markiert): Nutzen Sie dieses Messer für alle Mischvorgänge auf der Palette und den eigentlichen Farbauftrag auf der Leinwand.
  3. Der Reinigungs-Check: Wischen Sie Messer 2 nach jedem Farbwechsel mit einem Papiertuch sauber. Machen Sie einen kurzen Teststrich auf einer separaten Fläche, um sicherzustellen, dass keine unerwünschten Farbreste mehr vorhanden sind.
  4. Rhythmus etablieren: Machen Sie die Reinigung zu einer automatischen Gewohnheit. Farbe aufnehmen, auftragen, abwischen. Dieser Flow verhindert Kontamination und hält Ihren Geist frei für den kreativen Prozess.
  5. Endreinigung: Am Ende Ihrer Malsession reinigen Sie beide Messer gründlich mit Wasser und Seife, um ein Antrocknen der Farbe zu verhindern.

Wie viel mehr Farbe verbrauchen Sie beim Spachteln wirklich? (Kostenfalle)

Die Impasto-Technik, also das dicke, pastose Auftragen von Farbe, ist faszinierend, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Sie verbraucht deutlich mehr Material als die Lasurmalerei mit dem Pinsel. Dies kann schnell zu einer Kostenfalle werden, besonders wenn man mit hochwertigen Künstler-Acrylfarben arbeitet. Es ist wichtig, diesen Mehrverbrauch realistisch einzuschätzen und klug zu wirtschaften. Als grobe Orientierung zeigen aktuelle Marktpreise für Spachteltechniken im Dekorationsbereich Kosten von 10–25 Euro/m² für einfache Techniken, was den hohen Materialeinsatz verdeutlicht.

Vergleichende Darstellung von Farbverbrauch bei verschiedenen Maltechniken

Der schlaue Künstler arbeitet daher mit einem Trick: dem „Unterbau“. Statt eine zentimeterdicke Schicht teurer Farbe aufzutragen, wird die Grundstruktur mit einem günstigeren Material aufgebaut. Hierfür eignen sich Acryl-Strukturpasten oder Modellierpasten hervorragend. Diese Pasten sind meist weiß oder transparent und können in dicken Schichten aufgetragen werden, um die gewünschte Textur und das Volumen zu erzeugen. Sie sind speziell dafür formuliert, auch in der Dicke rissfrei zu trocknen.

Der Arbeitsablauf ist einfach: Zuerst modellieren Sie mit dem Malmesser und der Strukturpaste die gesamte Landschaft Ihres Bildes – die Hügel, Täler und rauen Kanten. Nachdem diese Strukturschicht vollständig getrocknet ist, wird sie mit einer viel dünneren Schicht der eigentlichen, teuren Acrylfarbe übermalt. So erzielen Sie den vollen Effekt einer extremen Textur, verbrauchen aber nur einen Bruchteil der Farbe. Sie können die Strukturpaste sogar vorab mit einer kleinen Menge Acrylfarbe einfärben, um eine getönte Grundierung zu schaffen. Diese Methode spart nicht nur Geld, sondern gibt Ihnen auch mehr Kontrolle über den kreativen Prozess, da Sie Struktur und Farbe in zwei getrennten, bewussten Schritten bearbeiten.

Wann ist die Farbe zu dick und reißt beim Trocknen auf?

Eines der dramatischsten und frustrierendsten Phänomene in der Acrylmalerei ist die Rissbildung. Sie tragen eine wunderschöne, dicke Farbschicht auf, und während des Trocknens zieht sie sich zusammen und bildet unschöne Risse, die an trockene Erde erinnern. Dieses Problem hat eine klare physikalische Ursache: Acrylfarbe verliert beim Trocknen an Volumen, da das enthaltene Wasser verdunstet. Je dicker die Farbschicht, desto größer ist dieser Volumenschwund und desto höher ist die Spannung, die auf der Farboberfläche entsteht. Wenn diese Spannung größer wird als die Elastizität der Farbe selbst, reißt sie.

Experten warnen davor, reine Acrylfarbe in Schichten von mehr als wenigen Millimetern Dicke aufzutragen. Besonders gefährdet sind instabile Malgründe wie dünne, nicht gut gespannte Leinwände. Wie Experten für Malgründe betonen, entstehen Risse besonders schnell, wenn der Untergrund sich beim Trocknen der Farbe mit zusammenzieht. Ein fester, grundierter Malgrund wie eine Holzplatte oder ein hochwertiger Keilrahmen ist daher die erste Verteidigungslinie gegen Rissbildung.

Um dennoch extreme Texturen zu erzeugen, müssen Sie der Farbe „Helfer“ zur Seite stellen. Spezielle Acrylmalmittel wie Strukturpasten, Modellierpasten oder Malgele sind exakt dafür entwickelt worden. Sie enthalten Füllstoffe, die das Schrumpfen beim Trocknen minimieren und die Flexibilität erhöhen. Sie werden einfach mit der Acrylfarbe vermischt oder als texturierter Untergrund verwendet. Die Wahl des richtigen Additivs hängt von der gewünschten Schichtdicke und dem Effekt ab. Die folgende Tabelle bietet einen Kompass durch gängige, in Deutschland erhältliche Produkte und deren Eigenschaften.

Additiv-Kompass für deutsche Acrylmalmittel
Produkt Hersteller Max. Schichtdicke Trocknungszeit
Malgel Spezial Schmincke 5mm 2-4 Stunden
Super Retarder Schmincke 3mm 4-8 Stunden
Open Thinner Golden 4mm 6-12 Stunden
Strukturpaste fein Lascaux 10mm 12-24 Stunden

Leichtstrukturpaste oder Modellierpaste: Was hält auf großen Formaten besser?

Wenn Sie von kleinen Studien zu großen, imposanten Formaten übergehen, ändern sich die physikalischen Gesetze. Das Gewicht der aufgetragenen Farbe und Paste wird zu einem entscheidenden Faktor. Eine schwere Modellierpaste, die auf einer kleinen Holzplatte perfekt hält, kann auf einer großen, flexiblen Leinwand zu viel Spannung erzeugen, was zum Durchhängen des Gewebes oder sogar zu Rissen führt. Die Wahl zwischen Leichtstrukturpaste und schwerer Modellierpaste ist daher keine Frage des Geschmacks, sondern der Statik.

Leichtstrukturpasten enthalten winzige, hohle Glaskügelchen oder andere leichte Füllstoffe. Sie ermöglichen es, enormes Volumen und Textur zu erzeugen, ohne das Gesamtgewicht des Bildes signifikant zu erhöhen. Sie sind die erste Wahl für große Leinwände, besonders wenn diese eine Standard-Grammatur (Gewicht des Stoffes pro Quadratmeter) aufweisen. Schwere Modellierpasten hingegen enthalten oft Marmormehl oder Quarzsand, was ihnen eine wunderbare, körnige Textur, aber auch ein hohes Gewicht verleiht. Sie eignen sich hervorragend für stabile, feste Malgründe wie Holzplatten, Malkarton oder extrem schwere, mehrfach grundierte Museumsleinwände, die der Zugkraft standhalten können.

Die Qualität des Keilrahmens und der Leinwand spielt eine ebenso wichtige Rolle. Ein billiger, dünner Keilrahmen wird sich unter dem Gewicht und der Spannung einer dicken Pastenschicht verziehen. Ein stabiler Malgrund ist daher unerlässlich. Eine gute Grundierung mit Gesso schafft zudem eine optimale Verbindung zwischen Malgrund und Farbschicht. Als Faustregel gilt: Je größer und flexibler der Malgrund, desto leichter sollte die verwendete Paste sein. Die folgende Liste gibt eine Orientierung für die Belastbarkeit verschiedener Leinwandqualitäten:

  • Standardleinen (ca. 200-280 g/m²): Ideal für Leichtstrukturpaste, maximale Schichtdicke ca. 3-5 mm.
  • Schweres Leinen (ca. 350-450 g/m²): Kann auch leichtere Modellierpasten tragen, Schichtdicken bis 5 mm sind oft möglich.
  • Baumwolle in Museumsqualität (über 400 g/m²): Sehr stabil, kann auch schwerere Strukturpasten und kleinere Einlagerungen tragen.
  • Grundierte Holzplatte oder Malkarton: Der stabilste Grund. Hier können alle Pasten und Materialien nahezu ohne Einschränkung verwendet werden.

Warum Spachteln und Kratzen besser gegen Wut hilft als feines Pinseln

Malen ist nicht nur eine technische, sondern auch eine zutiefst emotionale Handlung. Während das feine, filigrane Arbeiten mit dem Pinsel Konzentration und meditative Ruhe fördert, kann der kraftvolle Einsatz des Malmessers zu einem kraftvollen Kanal für intensive Gefühle wie Wut, Frustration oder Trauer werden. Der Grund dafür liegt in der Neurobiologie: Die grob-motorische, kraftvolle Bewegung des gesamten Arms und der Schulter beim Spachteln sendet ein viel stärkeres propriozeptives Feedback – also die Wahrnehmung der eigenen Körperbewegung und -lage im Raum – an das Gehirn als die feinen Bewegungen der Finger beim Pinseln. Diese intensive körperliche Rückmeldung kann zu einer effektiveren emotionalen Entladung führen.

Das Kratzen, Schaben und Auftürmen von Farbe mit einem harten Werkzeug ist ein direkter, fast archaischer Akt. Es erlaubt, inneren Druck physisch nach außen zu kehren und ihn auf der Leinwand sichtbar und greifbar zu machen. Anstatt eine Emotion detailgetreu darzustellen, wird die Energie der Emotion selbst zum Gestaltungsmittel. Dunkle, aufgewühlte Farbberge können die Wut verkörpern, während das anschließende Überkratzen und Freilegen unterer Schichten einem Prozess der Verarbeitung und des „sich Durcharbeitens“ gleicht.

Für einen bewussten Umgang mit dieser Technik kann ein kleines Ritual helfen, den Prozess zu strukturieren und ihm einen sicheren Rahmen zu geben. Das „Wut-Quadrat“ ist eine solche Methode, die es erlaubt, intensive Gefühle kontrolliert auszudrücken und sie anschließend symbolisch zu transformieren:

  1. Definieren Sie eine „Wut-Zone“: Markieren Sie einen kleinen Bereich auf der Leinwand (z.B. 30×30 cm) als Ihren emotionalen Spielplatz.
  2. Entladen Sie die Energie: Nutzen Sie dunkle, aggressive Farben (Schwarz, Dunkelrot) und tragen Sie sie mit schnellen, kraftvollen und unkontrollierten Spachtelstrichen in diesem Bereich auf. Arbeiten Sie aus der Schulter, nicht aus dem Handgelenk.
  3. Symbolische Heilung: Nachdem die erste Energie verflogen ist (nach ca. 5-10 Minuten), beginnen Sie, diesen Bereich mit beruhigenden, hellen Farben (Weiß, Hellblau, sanftes Grün) zu „heilen“. Übermalen Sie die dunklen Stellen teilweise, lassen Sie sie aber durchscheinen.
  4. Integration: Integrieren Sie das nun transformierte Quadrat in Ihr Gesamtbild. Es wird zu einer Erinnerung an den Prozess und verleiht dem Werk eine tiefere persönliche Bedeutung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kontrolle durch Wissen: Erfolgreiche Spachteltechnik beruht auf dem Verständnis von Werkzeug, Druck und Material, nicht auf Zufall.
  • Qualität vor Quantität: Wenige, aber die richtigen Werkzeuge und sauberes Arbeiten sind entscheidender als eine große Auswahl.
  • Physik des Trocknens: Um Risse zu vermeiden, nutzen Sie spezielle Malmittel wie Strukturpasten für dicke Schichten und achten Sie auf einen stabilen Malgrund.

Wie erzeugen Sie extreme Texturen mit Acryl, ohne dass die Farbe beim Trocknen reißt?

Der Wunsch nach extremen, fast dreidimensionalen Texturen, wie man sie bei Künstlern wie Anselm Kiefer sieht, treibt viele Maler an. Doch wie bereits besprochen, stößt reine Acrylfarbe hier schnell an ihre physikalischen Grenzen. Der Schlüssel liegt in der Kombination verschiedener Materialien und einer geduldigen Schicht-für-Schicht-Arbeitsweise. Anstatt zu versuchen, alles in einem einzigen, dicken Auftrag zu erledigen, bauen Sie Ihre Texturlandschaft schrittweise auf. Die gute Nachricht ist, dass Acrylfarben relativ schnell trocknen, was es ermöglicht, zügig zu arbeiten und Farbschichten ohne extrem lange Wartezeiten übereinanderzulegen.

Detailaufnahme extremer Texturen in Acrylmalerei mit verschiedenen Materialeinbettungen

Modellier- oder Strukturpasten sind hierbei Ihre wichtigsten Verbündeten. Sie bilden das stabile Grundgerüst Ihrer Textur. Doch Sie können weit darüber hinausgehen. Nahezu alles, was trocken und fettfrei ist, kann in die noch feuchte Paste eingearbeitet werden, um einzigartige Effekte zu erzielen. Denken Sie an:

  • Natürliche Materialien: Feiner Sand, kleine Steinchen, Holzsplitter, getrocknete Blätter oder Stroh.
  • Papier und Textilien: Stücke von Seidenpapier, Zeitungsfetzen, Gaze oder Jute-Stoff.
  • Andere Materialien: Kaffeesatz für eine körnige, dunkle Textur oder zerrissene Wellpappe für lineare Strukturen.

Der Prozess ist ein dialogischer Aufbau. Tragen Sie eine erste Schicht Modellierpaste auf. Drücken Sie Ihre gewählten Materialien hinein. Lassen Sie diese Schicht antrocknen, bis sie „handfest“ ist. Tragen Sie dann eine weitere, vielleicht dünnere Schicht Paste oder eine dicke Farbschicht auf, die die Objekte teilweise bedeckt oder verbindet. Dieser schrittweise Aufbau sorgt dafür, dass jede Ebene genügend Zeit zum Setzen hat und die inneren Spannungen im Material minimiert werden. So entstehen stabile, komplexe und visuell faszinierende Oberflächen, die weit über einen einfachen Farbauftrag hinausgehen und Ihr Werk zu einem einzigartigen Objekt machen.

Jetzt haben Sie das Rüstzeug, um das Malmesser nicht als unberechenbares, sondern als kraftvolles und präzises Instrument zu sehen. Der Weg von der Frustration zur Faszination liegt in der Übung und dem bewussten Anwenden dieser handwerklichen Prinzipien. Greifen Sie also zum Spachtel, experimentieren Sie mit Druck, Winkel und Material und beginnen Sie, Ihre ganz eigene dynamische Sprache auf der Leinwand zu formen.

Geschrieben von Elias Vormann, Diplom-Restaurator und Dozent für Maltechnik mit Schwerpunkt auf historische und moderne Pigmente. Über 20 Jahre Erfahrung in der Konservierung an staatlichen Museen und als technischer Berater für Künstlerbedarf.