Veröffentlicht am März 12, 2024

Die Erhaltung digitaler Kunst scheitert oft nicht am Willen, sondern an einer fehlenden Zukunftsstrategie, die über die reine Reparatur hinausgeht.

  • Die größte Gefahr ist die Abhängigkeit von spezifischer Hard- und Software, die vom Markt verschwindet.
  • Erfolgreiche Konservierung kombiniert technisches Know-how (Emulation), strategische Dokumentation und juristische Weitsicht im Kaufvertrag.

Empfehlung: Betrachten Sie sich nicht als Techniker, sondern als digitaler Archäologe. Ihre Aufgabe ist es, die Essenz des Werkes für eine unbekannte technologische Zukunft zu übersetzen, nicht nur, eine alte Maschine am Laufen zu halten.

Ein flackernder Röhrenbildschirm, das surrende Geräusch eines 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerks, eine Interaktion, die nur mit einer speziellen Drei-Tasten-Maus funktioniert – Medienkunstwerke sind oft untrennbar mit der Technologie ihrer Entstehungszeit verbunden. Doch was passiert, wenn diese Technologie zerfällt, nicht mehr hergestellt wird und selbst die Experten, die sie einst bedienten, in den Ruhestand gehen? Für Museen und Sammler in Deutschland wird diese Frage zu einer existenziellen Bedrohung für ihre Bestände. Die technische Obsoleszenz ist kein fernes Problem, sondern ein aktiver Prozess, der digitale Kunstwerke jeden Tag ein Stück weiter auslöscht.

Die üblichen Ansätze konzentrieren sich oft auf Ad-hoc-Lösungen: Man sucht auf Online-Marktplätzen nach Ersatzteilen oder beauftragt einen IT-Spezialisten, der versucht, eine alte Software irgendwie zum Laufen zu bringen. Diese Maßnahmen sind jedoch reaktiv und gleichen dem Versuch, ein sinkendes Schiff mit Klebeband zu flicken. Doch was wäre, wenn der Schlüssel zur Erhaltung nicht in der endlosen Jagd nach alter Hardware liegt, sondern in einer grundlegend anderen Denkweise? Was, wenn wir die Konservierung nicht als Reparatur, sondern als eine Art digitale Archäologie verstehen müssen?

Dieser Artikel verlässt den Pfad der kurzfristigen Fehlerbehebung. Stattdessen liefert er eine strategische Roadmap für die langfristige Bewahrung. Wir werden die physischen, softwareseitigen, rechtlichen und ethischen Dimensionen der Medienkunstkonservierung beleuchten. Ziel ist es, Ihnen nicht nur zu zeigen, wie Sie ein Werk heute reparieren, sondern wie Sie eine Konservierungs-Zeitkapsel schaffen, die seine Essenz für Techniker und Kuratoren im Jahr 2050 und darüber hinaus verständlich und erlebbar macht. Es ist an der Zeit, proaktiv zu handeln und die Zukunft Ihrer Sammlung zu sichern.

Die folgenden Abschnitte bieten einen tiefen Einblick in die konkreten Herausforderungen und praxiserprobten Lösungsansätze, von der Beschaffung kritischer Hardware bis hin zur ethischen Debatte über die „Verbesserung“ von Kunstwerken.

Warum CRT-Monitore Goldstaub sind und wie man sie lagert

Für viele Videoinstallationen aus den 1980er bis frühen 2000er Jahren ist der Kathodenstrahlröhren-Monitor (CRT) kein austauschbares Anzeigegerät, sondern ein integraler Bestandteil der Ästhetik. Die Art und Weise, wie ein CRT-Bild flimmert, seine spezifische Farbtiefe und die charakteristische Unschärfe sind Teil der vom Künstler beabsichtigten Wirkung. Moderne LCD- oder OLED-Bildschirme können diese visuelle Textur nicht originalgetreu wiedergeben. Das macht funktionsfähige CRT-Monitore, insbesondere professionelle Broadcast-Modelle (wie die Sony PVM/BVM-Serien), zu einer knappen und wertvollen Ressource – wahrem Goldstaub für Konservatoren.

Die Herausforderung ist doppelt: Zum einen nimmt der weltweite Bestand rapide ab, zum anderen ist die verbleibende Hardware oft über 20 Jahre alt und anfällig für Ausfälle. Die Beschaffung erfordert eine proaktive und vernetzte Strategie. In Deutschland haben sich Nischenmärkte gebildet: Spezialisierte Anbieter vermieten professionelle Monitore für Ausstellungen, während private Sammler auf Plattformen wie Kleinanzeigen.de ihre Bestände veräußern. Der Schlüssel liegt darin, nicht erst bei einem Ausfall zu suchen, sondern einen eigenen kleinen Bestand an Ersatzgeräten und -teilen aufzubauen und diese fachgerecht zu lagern: kühl, trocken und vor Erschütterungen geschützt.

Ihre Checkliste zur Beschaffung von CRT-Monitoren in Deutschland

  1. Märkte beobachten: Durchsuchen Sie regelmäßig Kleinanzeigen.de und Retro-Computing-Foren. Richten Sie Suchaufträge für spezifische Modelle (z.B. „Sony PVM“, „Broadcast Monitor“) ein, um sofort benachrichtigt zu werden.
  2. Netzwerke aufbauen: Vernetzen Sie sich mit lokalen Retro-Computing-Communities und Gruppen des Chaos Computer Clubs (CCC). Hier finden sich oft Experten und private Sammler mit wertvollen Beständen und Insiderwissen.
  3. Professionelle Quellen kontaktieren: Prüfen Sie spezialisierte Vermieter für Veranstaltungstechnik und Filmrequisiten-Archive. Diese lagern oft noch professionelle Videomonitore für historische Produktionen.
  4. Recyclinghöfe ansteuern: Kontaktieren Sie professionell ausgerichtete Elektronik-Recycler. Oft werden dort funktionsfähige Geräte abgegeben, die für den privaten Gebrauch zu sperrig sind, aber für die Kunstkonservierung ideal sind.
  5. Zustand prüfen: Bestehen Sie vor dem Kauf auf einer Funktionsprüfung. Achten Sie auf Bildgeometrie, Konvergenzfehler und Einbrenneffekte. Dokumentieren Sie den Zustand mit Fotos für Ihr Archiv.

Langfristig ist die Emulation der CRT-Signalverarbeitung durch Shader auf modernen Displays eine vielversprechende Strategie, doch bis diese Technologie die nötige Werktreue erreicht, bleibt der Besitz der Originalhardware alternativlos.

Wie bringen Sie ein Kunstwerk von 1995 auf Windows 11 zum Laufen?

Wenn die Original-Hardware endgültig versagt, rückt die Software in den Fokus. Ein interaktives CD-ROM-Kunstwerk, das für Windows 95 entwickelt wurde, lässt sich auf einem modernen 64-Bit-System wie Windows 11 nicht ohne Weiteres ausführen. Die Systemarchitektur, Bibliotheken und Treiber sind fundamental inkompatibel. Die Lösung für dieses Problem liegt in der Emulation: Eine Software, die auf einem modernen Computer eine virtuelle Version des alten Systems (Hardware und Betriebssystem) nachbildet.

Diese Methode erlaubt es, das Kunstwerk in seiner nativen Umgebung auszuführen, ohne den Code des Werkes selbst verändern zu müssen. Es ist, als würde man ein geschütztes historisches Biotop innerhalb eines modernen Gebäudes errichten. Für die Emulation älterer Windows-Versionen haben sich Werkzeuge wie DOSBox-X als äußerst leistungsfähig erwiesen. Sie gehen über die reine Emulation von DOS hinaus und können eine vollständige Windows-95-Umgebung inklusive Netzwerkunterstützung simulieren.

Symbolische Darstellung der Emulation von 1990er Software auf modernen Computern durch eine Brücke aus Binärcode.

Wie die Abbildung symbolisch zeigt, schlägt die Emulation eine Brücke zwischen technologischen Epochen. Laut einer Anleitung zur Installation von Windows 95 in DOSBox-X ist es möglich, eine stabile virtuelle Maschine zu erstellen, die es dem Kunstwerk erlaubt, wie vorgesehen zu funktionieren. Der Erfolg hängt jedoch von einer präzisen Konfiguration ab. Die Herausforderung besteht darin, nicht nur das Betriebssystem, sondern auch alle spezifischen Treiber für Soundkarten, Grafikkarten und Eingabegeräte korrekt nachzubilden, um die authentische Erfahrungs-DNS des Werkes zu erhalten.

Die Emulation ist somit kein einfacher Knopfdruck, sondern ein akribischer Prozess der Rekonstruktion, der tiefes technisches Verständnis erfordert. Die Dokumentation jeder Konfigurationseinstellung ist dabei unerlässlich für zukünftige Konservatoren.

Der Fehler im Kaufvertrag: Haben Sie das Gerät oder den Code gekauft?

Selbst wenn Sie die technische Lösung zur Erhaltung eines Medienkunstwerks gefunden haben, stellt sich eine entscheidende juristische Frage: Dürfen Sie das überhaupt? Viele Kaufverträge aus den Anfangstagen der Medienkunst sind unklar formuliert. Oft wurde nur das physische Objekt – der Computer, die CD-ROM, der Monitor – verkauft. Das implizite Recht, die Software zu kopieren, zu modifizieren oder auf ein neues System zu migrieren, wurde selten explizit eingeräumt. Dies schafft eine rechtliche Grauzone, die jede Erhaltungsmaßnahme zu einem potenziellen Verstoß gegen das Urheberrecht macht.

Nach deutschem Recht stellt die Migration auf ein neues System oder die Anpassung des Codes für einen Emulator eine „Bearbeitung oder andere Umgestaltung“ des Werkes dar, die gemäß § 23 UrhG (Urheberrechtsgesetz) der Zustimmung des Urhebers bedarf. Ohne eine klare vertragliche Regelung sind Museen und Sammler auf den guten Willen des Künstlers oder seiner Erben angewiesen. Im schlimmsten Fall kann eine notwendige Erhaltungsmaßnahme untersagt werden, was das Werk zum digitalen Tod verurteilt.

Für zukünftige Akquisitionen ist es daher unerlässlich, diese Rechte von Anfang an vertraglich zu sichern. Der Kaufvertrag muss explizit festhalten, dass der Erwerber das Recht hat, alle für die Erhaltung des Werkes notwendigen Maßnahmen durchzuführen. Dazu gehören das Recht zur Kopie (Migration), zur Bearbeitung (Anpassung für Emulatoren) und idealerweise auch der Anspruch auf Herausgabe des Quellcodes und der technischen Dokumentation. Nur so wird aus einem passiven Besitz ein aktives Mandat zur Bewahrung.

Ein unklarer Vertrag ist ein vorprogrammierter „Point of Failure“. Die Investition in eine präzise juristische Beratung bei der Akquise ist somit eine der wichtigsten Maßnahmen zur Risikominimierung in jeder Medienkunst-Sammlung.

Wie schreiben Sie ein Handbuch für Techniker im Jahr 2050?

Stellen Sie sich einen Techniker in 30 Jahren vor, der vor der Aufgabe steht, ein interaktives Werk aus dem Jahr 2005 zu reaktivieren. Er hat vielleicht noch nie einen FireWire-Anschluss gesehen, weiß nicht, was ein „Browser-Plug-in“ war, und die Programmiersprache des Werkes ist längst vergessen. Eine einfache technische Beschreibung reicht hier nicht aus. Was benötigt wird, ist eine umfassende Konservierungs-Zeitkapsel – eine Dokumentation, die so vollständig und kontextreich ist, dass sie auch ohne Vorwissen verständlich ist.

Diese Art der Dokumentation geht weit über eine reine Auflistung von Hardware und Software hinaus. Sie muss die „Intention“ und die „User Experience“ des Werkes einfangen. Videoaufzeichnungen des Werkes in Aktion, die alle interaktiven Pfade zeigen, sind ebenso wichtig wie Interviews mit dem Künstler, in denen er die beabsichtigte Wirkung und die kritischen Aspekte der Präsentation erläutert. Das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, ein international führendes Kompetenzzentrum, hat durch sein Labor für antiquierte Videosysteme seit 2004 wegweisende Standards in der Dokumentation gesetzt. Dort werden nicht nur Daten gesichert, sondern das gesamte Ökosystem eines Werkes analysiert und für die Nachwelt aufbereitet.

Die Dokumentation selbst muss in archivsicheren, offenen Formaten wie PDF/A, XML oder unformatiertem Text gespeichert werden. Proprietäre Formate sind ein weiterer „Point of Failure“. Die Hinterlegung in institutionellen Repositorien wie der Deutschen Digitalen Bibliothek oder dem Kompetenznetzwerk nestor sichert die langfristige Verfügbarkeit. Diese umfassende Herangehensweise verwandelt die Dokumentation von einer lästigen Pflicht in das zentrale strategische Werkzeug der digitalen Archäologie.

Fallbeispiel: ZKM Karlsruhe – Labor für antiquierte Videosysteme

Das ZKM Karlsruhe gilt seit Jahren als internationales Kompetenzzentrum für Medienkunstkonservierung. Durch die tägliche Pflege zahlreicher Medienkunstwerke, das seit 2004 aktive Labor für antiquierte Videosysteme und großangelegte Forschungsprojekte hat das ZKM herausragende Expertise entwickelt. Es ermöglicht, Videokunstwerke auf magnetischen Medien seit den 1960er Jahren nicht nur temporär zu sichern, sondern auch strategien für ihre langfristige Archivierung und zukünftige Präsentation zu entwickeln.

Letztlich ist die beste Dokumentation diejenige, die davon ausgeht, dass der zukünftige Leser nichts über unsere heutige Technologie weiß. Sie muss die „Warum“-Fragen ebenso beantworten wie die „Wie“-Fragen.

Darf man die Auflösung eines Pixel-Videos ‚verbessern‘ oder ist das Zerstörung?

Die technologische Entwicklung bietet verlockende Möglichkeiten. Mit künstlicher Intelligenz ist es heute möglich, die Auflösung alter Videos zu erhöhen (Upscaling), Farben zu korrigieren oder Bildrauschen zu entfernen. Doch im Kontext der Kunstkonservierung wirft dies eine fundamentale ethische Frage auf: Wo endet die Restaurierung und wo beginnt die Verfälschung? Ist ein niedrig aufgelöstes Pixel-Video, das nun in gestochen scharfem 4K erstrahlt, noch dasselbe Werk? Oder haben wir es zerstört, indem wir ihm seine historisch und ästhetisch bedingte Materialität genommen haben?

Die ‚Lesbarkeit‘ versus ‚Werktreue‘ ist der zentrale Konflikt bei der Restaurierung digitaler Kunst.

– Verband der Restauratoren (VDR), Ethische Richtlinien zur Restaurierung

Dieser Konflikt zwischen Werktreue (die Treue zum Originalzustand) und Lesbarkeit (die Notwendigkeit, ein Werk für ein heutiges Publikum zugänglich zu machen) ist der Kern der ethischen Debatte. Ein grobes Pixel-Rauschen oder eine blasse Farbpalette waren oft keine technischen Mängel, sondern bewusste ästhetische Entscheidungen des Künstlers, die mit den Mitteln der damaligen Zeit getroffen wurden. Eine „Verbesserung“ kann diese Intention auslöschen.

Extreme Nahaufnahme einer CRT-Bildschirmoberfläche, die das Muster der RGB-Phosphorpunkte zeigt und die physische Materialität digitaler Kunst verdeutlicht.

Um in diesem Spannungsfeld fundierte Entscheidungen zu treffen, ist eine klare begriffliche Unterscheidung notwendig. Die Konservierungsethik differenziert zwischen Restaurierung, Rekonstruktion und Verbesserung, wie eine vergleichende Analyse der ABK Stuttgart zeigt.

Restaurierung vs. Rekonstruktion vs. Verbesserung
Ansatz Definition Ethische Bewertung Anwendungsfall
Restaurierung Wiederherstellung eines bekannten, früheren Zustands Ethisch weitgehend vertretbar Reparatur defekter Hardware, Wiederherstellung verlorener Daten aus einem Backup
Rekonstruktion Neuschaffung verlorener Teile nach bestem Wissen Oft umstritten, erfordert umfassende Dokumentation Nachbau einer nicht mehr existenten Spezial-Hardware durch Reverse Engineering
Verbesserung Bewusste Veränderung über den Originalzustand hinaus Ethisch äußerst kritisch, oft als Verfälschung gesehen KI-Upscaling, moderne Farbkorrektur, Entfernung von originalem Bildrauschen

Eine etablierte „Best Practice“ ist das Zwei-Versionen-Modell: Man bewahrt eine möglichst originalgetreue Archivversion und erstellt separat eine zweite, interpretative Version für die Präsentation, die klar als solche gekennzeichnet wird. Dies ermöglicht die Zugänglichkeit, ohne das Original zu kompromittieren.

Warum schlechte Handyfotos den Marktwert Ihrer Performance zerstören

Die Bewahrung von Medienkunst beschränkt sich nicht auf Code und Hardware. Besonders flüchtige Formen wie digitale Performances, interaktive Installationen oder Live-Coding-Events leben von ihrer einmaligen Durchführung. Oft sind die einzigen verbleibenden Artefakte die Dokumentationen dieser Ereignisse. Hier liegt eine oft unterschätzte Gefahr: Eine schlechte, unterbelichtete Handyaufnahme mit miserablem Ton kann nicht nur die Wahrnehmung des Werkes verzerren, sondern auch seinen kunsthistorischen und monetären Marktwert aktiv zerstören.

Eine professionelle Dokumentation ist keine Nebensache, sondern eine essenzielle konservatorische Maßnahme. Sie dient als primäre Quelle für Kuratoren, Forscher und den Kunstmarkt, wenn das eigentliche Ereignis vergangen ist. Sie muss die Atmosphäre, die Interaktionen und die technischen Details so präzise wie möglich einfangen. Dies erfordert eine durchdachte Planung mit mehreren Kameras, hochwertiger Tonaufzeichnung und einem klaren Regiekonzept. Solche Produktionen sind kostenintensiv, stellen aber eine Investition in die Zukunft des Werkes dar. In der DACH-Region gibt es gezielte Fördermöglichkeiten für solche Vorhaben; so wurden beispielsweise 1,2 Millionen Euro vom österreichischen Bildungsministerium für ein mehrjähriges Projekt zur Bewahrung digitaler Kunst bewilligt.

Für Künstler und Sammler in Deutschland ist es entscheidend, diese Fördermöglichkeiten zu kennen und zu nutzen. Institutionen wie die Stiftung Kunstfonds oder die Kulturstiftung des Bundes bieten Programme zur Finanzierung von professionellen Dokumentationen an. Auch landesspezifische Filmförderungen können für aufwendige Videodokumentationen infrage kommen. Die Verwendung von archivfesten Codecs und die Anreicherung der Dateien mit Metadaten (z.B. nach IPTC-Standard) sichern die langfristige Nutzbarkeit und Auffindbarkeit dieser wertvollen Dokumente.

Letztendlich gilt: Was nicht professionell dokumentiert ist, hat in den Augen der Kunstgeschichte kaum eine Chance zu überleben. Eine unzureichende Dokumentation ist die zweite, leisere Form der Obsoleszenz.

Wie retten Sie interaktive Werke aus den 2000ern vor dem digitalen Tod?

Interaktive Kunstwerke der 2000er Jahre stellen eine besondere Herausforderung dar. Ihr Kern ist nicht nur ein visuelles oder auditives Ergebnis, sondern das Erlebnis der Interaktion selbst. Werke, die auf spezielle Joysticks, frühe Touchscreens, Datenhandschuhe oder selbstgebaute Interfaces angewiesen sind, verlieren ihre Bedeutung, wenn diese Eingabegeräte nicht mehr funktionieren. Eine reine Emulation der Software auf einem modernen PC mit Standard-Maus und -Tastatur würde die Essenz des Werkes verfehlen und zu einer leblosen Hülle degradieren.

Die Konservierung muss sich daher auf die gesamte „User Experience“ konzentrieren. Dies beinhaltet das haptische Gefühl des Controllers, die Latenzzeit zwischen Aktion und Reaktion und sogar die körperliche Haltung, die der Betrachter einnehmen muss. Wenn die Original-Hardware nicht mehr repariert werden kann, steht der Konservator vor einer schwierigen Wahl: Soll ein neues Interface entwickelt werden, das die ursprüngliche Haptik nachahmt? Oder soll das Werk durch eine Video-Dokumentation in einen passiven Zustand überführt werden?

Die Konservierung der ‚User Experience‘ ist entscheidend – eine reine technische Emulation reicht oft nicht aus, um den ursprünglichen Eindruck zu vermitteln.

– Dorcas Müller, Interview zur Restaurierung von Medienkunst am ZKM

Die Erhaltung der Erfahrungs-DNS erfordert oft kreative und unkonventionelle Lösungen. Dies kann von der 3D-Druck-Rekonstruktion zerbrochener Gehäuseteile bis hin zur Neuprogrammierung von Treibern für moderne Microcontroller (wie Arduino oder Raspberry Pi) reichen, um alte Interfaces an neue Computer anzuschließen. Jede dieser Maßnahmen ist ein Eingriff, der sorgfältig gegen die Künstlerintention abgewogen und lückenlos dokumentiert werden muss. Der Dialog mit dem Künstler, sofern noch möglich, ist hier von unschätzbarem Wert, um die nicht verhandelbaren Kernelemente der Interaktion zu identifizieren.

Ohne die Bewahrung des interaktiven Moments wird aus einem partizipativen Kunstwerk schnell ein bloßes historisches Dokument. Die Entscheidung, wie diese Interaktion bewahrt wird, ist eine der wichtigsten kuratorischen und konservatorischen Leistungen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Hardware ist endlich: Original-Hardware wie CRT-Monitore ist ein kritischer, aber schwindender Bestandteil. Eine proaktive Beschaffungs- und Lagerstrategie ist unerlässlich.
  • Emulation ist Übersetzung: Software-Emulation ist die wichtigste Technik zur Bewahrung, erfordert aber tiefes technisches Wissen und eine präzise Rekonstruktion der ursprünglichen Umgebung.
  • Recht und Ethik definieren die Grenzen: Kaufverträge müssen das Recht zur Konservierung explizit einräumen. Jede technische Maßnahme muss ethisch gegen die Werktreue und die Künstlerintention abgewogen werden.
  • Dokumentation ist Zukunftssicherung: Eine umfassende, für Außenstehende verständliche Dokumentation („Zeitkapsel“) ist wichtiger als jede einzelne Reparatur.

Was passiert mit Ihrer Netzkunst, wenn der Browser das Plug-in nicht mehr unterstützt?

Netzkunst, die in den späten 90er und frühen 2000er Jahren entstand, ist vielleicht die fragilste Form digitaler Kunst. Ihr Lebensraum ist das Web, ein Ökosystem, das sich in ständiger, rasanter Veränderung befindet. Viele wegweisende Werke waren auf spezifische Technologien wie Adobe Flash, Shockwave oder Java-Applets angewiesen – Plug-ins, die von modernen Browsern aus Sicherheitsgründen nicht mehr unterstützt werden. Wenn der Browser das Plug-in blockiert, stirbt das Kunstwerk. Es wird zu einem toten Link, einer leeren Seite.

Diese Form der Obsoleszenz ist besonders tückisch, da sie nicht von einem einzelnen Hardware-Defekt abhängt, sondern vom gesamten Software-Stack: dem Browser, dem Betriebssystem und den Server-Protokollen. Obwohl die Geschichte der digitalen Medienkunst bereits über 50 Jahre zurückreicht, steht die systematische Sammlung und Erhaltung von Netzkunst noch am Anfang. Strategien zur Rettung umfassen hier mehrere Ebenen. Eine gängige Methode ist die Migration des Werkes in moderne Web-Technologien (z.B. HTML5 und JavaScript), was jedoch oft einen erheblichen Eingriff in den Originalcode darstellt und die Frage der Werktreue aufwirft.

Eine Medienkonservatorin bei der konzentrierten Arbeit an alten Computern, was die menschliche Expertise hinter der digitalen Erhaltung symbolisiert.

Eine andere, zunehmend populäre Strategie ist die browser-basierte Emulation. Projekte wie die des Internet Archive zeigen, dass es möglich ist, ein komplettes altes Betriebssystem samt Browser direkt in einem modernen Webbrowser zu emulieren. So kann der Nutzer ein Windows 95 mit einem alten Netscape Navigator direkt in seinem Chrome- oder Firefox-Fenster starten und das Netzkunst-Werk in seiner ursprünglichen Umgebung erleben. Dieses Vorgehen bewahrt ein hohes Maß an Authentizität, da der Code des Kunstwerks selbst unangetastet bleibt.

Die Rettung der Netzkunst verdeutlicht den Kern der modernen Konservierung. Sie erfordert eine ganzheitliche Betrachtung, die das gesamte technologische Ökosystem eines Werkes berücksichtigt.

Als Sammler oder Institution ist es daher Ihre Aufgabe, nicht nur das Werk selbst zu archivieren, sondern auch seine technologische Umgebung so präzise wie möglich zu dokumentieren und durch Emulation nachzubilden. Beginnen Sie noch heute damit, eine proaktive Strategie für Ihre Sammlung zu entwickeln, um sie vor dem digitalen Vergessen zu bewahren.

Häufig gestellte Fragen zur rechtlichen Sicherung von Medienkunst

Welche Rechte sollten Museen bei der Akquisition sichern?

Museen sollten explizit das Recht zur Migration und Modifikation zur Erhaltung des Werkes (gemäß § 23 UrhG, dem Bearbeitungsrecht) in den Kaufvertrag aufnehmen. Ebenso entscheidend ist die Vereinbarung über den uneingeschränkten Zugriff auf den Quellcode und die gesamte technische Dokumentation, um zukünftige Konservierungsmaßnahmen zu ermöglichen.

Was passiert, wenn der Künstler verstirbt und der Vertrag unklar ist?

Bei unklaren oder lückenhaften Verträgen geht das Verfügungsrecht über das Werk auf die Erben des Künstlers über. Diese entscheiden dann über die Genehmigung notwendiger Erhaltungsmaßnahmen. Im Streitfall wägen deutsche Gerichte die ursprüngliche künstlerische Intention, so weit sie ermittelbar ist, gegen die praktischen Erfordernisse der Konservierung ab. Ein klarer Vertrag verhindert solche potenziell werkzerstörenden Auseinandersetzungen.

Geschrieben von Jonas Lindberg, Medienkünstler und Creative Technologist, spezialisiert auf digitale Kunst, KI-Generierung und VR-Installationen. 10 Jahre Erfahrung an der Schnittstelle von Code, Hardware und Ästhetik.