Veröffentlicht am Juni 12, 2024

Der Ankauf durch ein Museum ist kein Glücksfall, sondern das Ergebnis einer gezielten Strategie, die weit vor den Museumsmauern beginnt.

  • Die ungeschriebenen Regeln der Ankaufsgremien sind entschlüsselbar und können aktiv bespielt werden.
  • Der „Museumsrabatt“ ist kein Verlust, sondern ein strategisches Investment in den eigenen Marktwert.
  • Vertragsmodelle wie die Dauerleihgabe sind ein mächtiger Hebel, um Präsenz zu zeigen, ohne zu verkaufen.

Empfehlung: Fokussieren Sie Ihre Energie auf lokale Kunstvereine; sie sind das eigentliche Vorzimmer der staatlichen Sammlungen.

Für viele Künstler ist der Ankauf eines Werkes durch ein staatliches Museum der ultimative Ritterschlag. Es ist die offizielle Anerkennung, die Aufnahme in den Kanon, ein Vermächtnis, das über den flüchtigen Applaus einer Vernissage hinausgeht. Doch dieser Weg scheint oft mysteriös und von undurchdringlichen Mauern umgeben. Die gängigen Ratschläge klingen vertraut: Finden Sie eine gute Galerie, nehmen Sie an wichtigen Messen teil, seien Sie sichtbar. Man wartet darauf, entdeckt zu werden, und hofft, dass eines Tages ein Kurator an die Ateliertür klopft. Dieser passive Ansatz führt jedoch meist zu Frustration, während die Türen der Sammlungen verschlossen bleiben.

Doch was, wenn der wahre Hebel nicht in der lauten Sichtbarkeit, sondern im stillen Verständnis der internen Spielregeln liegt? Was, wenn der Weg in die Sammlung weniger ein Lottospiel und mehr eine Partie Schach ist, bei der Sie die Züge kennen müssen? Dieser Artikel bricht mit den oberflächlichen Ratschlägen. Als Insider einer Ankaufskommission enthülle ich die Mechanismen, die wirklich zählen. Es geht nicht darum, auf eine Entdeckung zu warten, sondern darum, den Ankauf strategisch vorzubereiten und die Entscheidungsträger dort abzuholen, wo sie ihre Fühler ausstrecken. Wir werden die Psychologie hinter dem gefürchteten „Museumsrabatt“ entschlüsseln, die strategische Macht von Schenkungen und Leihgaben analysieren und aufzeigen, warum der oft übersehene, lokale Kunstverein der wichtigste Türöffner überhaupt sein kann. Machen Sie sich bereit, die Kontrolle zu übernehmen.

Dieser Leitfaden ist eine Blaupause für Künstler, die den Sprung in die institutionelle Welt nicht dem Zufall überlassen wollen. Die folgenden Abschnitte bieten einen detaillierten Einblick in die entscheidenden strategischen Hebel.

Wer sitzt im Gremium und nach welchen Kriterien wird wirklich entschieden?

Vergessen Sie die Vorstellung eines monolithischen Geschmacksdiktats. Das Ankaufsgremium ist eine Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen agenden und Zwängen. Typischerweise sitzen darin der Museumsdirektor, der zuständige Sammlungskurator, oft externe Experten wie Kunsthistoriker oder etablierte Sammler und manchmal ein Vertreter des Trägers, also der Stadt oder des Landes. Jede dieser Personen hat eine andere Brille auf. Der Kurator denkt in sammlungsstrategischen Linien: Passt das Werk in den bestehenden Bestand? Schließt es eine Lücke? Der Direktor hat das Budget, das Renommee des Hauses und die öffentliche Wirkung im Blick. Der externe Experte bringt eine frische Perspektive und soll den „Tunnelblick“ des Hauses aufbrechen.

Die offiziellen Kriterien klingen oft vage: „künstlerische Qualität“, „Innovationspotenzial“, „Relevanz für den Diskurs“. Doch die ungeschriebenen Regeln sind entscheidender. Wir im Gremium suchen nach Narrativen. Wir fragen uns: Hat der Künstler eine konsistente Entwicklung gezeigt? Gibt es eine klare Haltung? Ist die Arbeit nur ästhetisch ansprechend oder verhandelt sie Themen, die auch in 20 Jahren noch Bestand haben? Ein einzelnes, brillantes Werk reicht selten. Wir investieren in eine künstlerische Position, nicht in ein isoliertes Objekt. Ein Werk, das eine bereits im Haus vertretene Position ergänzt oder ihr dialektisch widerspricht, hat oft bessere Karten als ein Solitär.

Der Prozess ist formalisiert, aber die entscheidenden Weichen werden vorher gestellt. Der Kurator bringt eine Vorschlagsliste in die Sitzung ein. Auf dieser Liste zu landen, ist die eigentliche Hürde. Der Prozess der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen zeigt dies exemplarisch: Ein Fachbeirat nominiert Künstler, diese werden diskutiert, eine Auswahl wird zu Atelierbesuchen eingeladen, und erst dann fällt in einer finalen Sitzung die Entscheidung. Ihre Aufgabe ist es also nicht, das gesamte Gremium zu überzeugen, sondern den einen Champion im Haus zu finden, der Ihre Arbeit auf die Agenda setzt.

Ankaufskommission bei der Begutachtung zeitgenössischer Kunstwerke in einem Sitzungssaal.

Diese Visualisierung der Beratungssituation macht deutlich, dass der Ankauf eine Sache der Argumentation und des Austauschs ist. Ihr Werk muss dem Kurator, der es vorschlägt, die besten Argumente an die Hand geben. Dazu gehören eine lückenlose Provenienz, eine gute Dokumentation Ihrer bisherigen Ausstellungen und Pressestimmen sowie ein klares Statement zu Ihrer Arbeit. Liefern Sie die Geschichte, die der Kurator erzählen kann, um seine Kollegen zu überzeugen. Es ist ein interner Verkaufsprozess, und Sie liefern das Material dafür.

Warum Museen „Museumsrabatt“ erwarten und wie viel Sie nachlassen sollten

Der Moment der Preisverhandlung ist heikel. Das Museum wird fast immer einen „Museumsrabatt“ erwarten. Dies ist keine Herabwürdigung Ihrer Arbeit, sondern hat pragmatische und psychologische Gründe. Die Ankaufsetats sind chronisch unterfinanziert. Selbst wenn, wie bei der Bundeskunstsammlung, der jährliche Ankaufsetat auf 3 Millionen Euro erhöht wird, ist das angesichts der Marktpreise ein Tropfen auf den heißen Stein. Jeder gesparte Euro ermöglicht potenziell einen weiteren Ankauf und stärkt die Position des Kurators. Ein Entgegenkommen signalisiert zudem, dass Ihnen der institutionelle Kontext wichtiger ist als der rein kommerzielle Erlös. Sie zeigen, dass Sie Teil des Systems werden wollen.

Aber wie viel ist angemessen? Eine feste Regel gibt es nicht, aber ein Rabatt von 20-30% auf den Galeriepreis hat sich als übliche Größenordnung etabliert. Alles darunter wirkt knauserig, deutlich mehr kann Ihren Marktwert untergraben. Wichtig ist, dass Sie diesen Rabatt nicht von Ihrem Nettoerlös, sondern vom offiziellen Verkaufspreis gewähren. Denken Sie daran: Die Galerieprovision von bis zu 50% entfällt bei einem Direktankauf. Selbst mit 30% Rabatt verdienen Sie also oft mehr als bei einem Galerieverkauf.

Die Förderankäufe der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen im Jahr 2024 sind hier ein guter Gradmesser: Für 32 Werke wurden 168.290 Euro ausgegeben. Das ergibt einen Durchschnittspreis von etwa 5.260 Euro pro Werk. Dies zeigt das typische Preisniveau, in dem sich Förderankäufe für Künstler an wichtigen Karrierepunkten bewegen. Die anstehende Umsatzsteuersenkung für Kunstkäufe ab 2025, bei der 7% statt 19% Mehrwertsteuer anfallen, wird die Budgets der Museen zusätzlich entlasten und könnte den Spielraum für Ankäufe leicht vergrößern.

Provisionen im Kunstmarkt: Ein Vergleich
Verkaufskanal Provision Vorteil für Künstler
Traditionelle Galerien bis zu 50% Etabliertes Netzwerk
Online-Plattformen 15-30% Höhere Gewinnmarge
Direktverkauf an Museen 20-30% Rabatt üblich Prestigegewinn

Dieser Vergleich zeigt klar: Der Museumsrabatt ist strategisch klug. Der Prestigegewinn durch den Museumsankauf ist eine Währung, die Ihren Marktwert langfristig stärker steigert als der kurzfristig höhere Erlös aus einem Privatverkauf. Betrachten Sie den Rabatt nicht als Verlust, sondern als Ihr gezahltes Marketingbudget für den Aufbau Ihrer institutionellen Reputation.

Ist es strategisch klug, dem Museum ein Werk zu schenken, um „drin“ zu sein?

Die Idee, dem Museum ein Werk zu schenken, um einen Fuß in die Tür zu bekommen, ist verlockend. Sie scheint eine Abkürzung zu sein, eine großzügige Geste, die Anerkennung erzwingt. Doch in der Praxis ist die Schenkung eine hochriskante Wette. Eine Schenkung garantiert keineswegs, dass das Werk jemals aus dem Depot geholt wird. Im Gegenteil: Geschenkte Werke werden oft weniger wertgeschätzt als angekaufte. Der Ankaufsprozess mit seinen Gremien und Diskussionen ist ein interner Filter, der einem Werk eine höhere Weihe verleiht. Ein Werk, das diesen Prozess durchlaufen hat, hat ein internes „Gütesiegel“. Eine Schenkung umgeht diesen Prozess und kann als Versuch wahrgenommen werden, sich in die Sammlung „einzuschleichen“.

Zudem kann eine Schenkung Ihren Markt beschädigen. Wenn bekannt wird, dass Ihre Werke kostenlos zu haben sind, untergräbt das die Zahlungsbereitschaft von privaten Sammlern. Ein Werk ohne Preis hat auf dem Markt keinen Wert. Bevor Sie diesen Schritt erwägen, sollten Sie wissen, dass Museen oft strengere Kriterien für die Annahme von Schenkungen haben als für Ankäufe. Die Folgekosten für Lagerung, Versicherung und Restaurierung sind erheblich, daher wird sehr genau geprüft, ob eine Schenkung die Sammlung wirklich bereichert.

Statt einer reinen Schenkung gibt es weitaus intelligentere, hybride Modelle, die Ihnen mehr Kontrolle und strategische Vorteile verschaffen. Denken Sie über diese Alternativen nach:

  • Gemeinsamer Ankauf: Mehrere Institutionen tun sich zusammen, um ein Werk zu erwerben und teilen sich die Kosten und Ausstellungszeiten.
  • Dauerleihgabe mit Eigentumsvorbehalt: Das Werk hängt im Museum, aber Sie bleiben der Eigentümer. Ein machtvolles Instrument, das wir später noch genauer betrachten.
  • Schenkung unter Auflage: Sie können die Schenkung an Bedingungen knüpfen, etwa die Verpflichtung, das Werk in einem bestimmten Turnus auszustellen. Dies ist rechtlich komplex, aber möglich.
  • Verkauf mit Vorzugskonditionen: Kombinieren Sie einen großzügigen Rabatt (über dem üblichen Maß) mit vertraglichen Zusagen bezüglich der Sichtbarkeit des Werkes.

Eine Schenkung ist der letzte Ausweg, nicht die erste Option. Sie ist nur dann sinnvoll, wenn es um ein gesamtes Konvolut oder einen Nachlass geht und eine langfristige Beziehung zum Haus bereits besteht. Für einen Künstler mitten in der Karriere ist sie meist ein strategischer Fehler.

Der Vertragstrick, um im Museum zu hängen, ohne dass der Staat Geld ausgibt

Hier kommt der mächtigste, aber oft unterschätzte Hebel ins Spiel: die Dauerleihgabe. Dieses Vertragsmodell ist der eleganteste Weg, um dauerhafte Präsenz in einem staatlichen Haus zu erlangen, ohne dass das Museum seinen knappen Ankaufsetat belasten muss. Sie als Künstler oder Ihr vertretender Sammler bleiben Eigentümer des Werkes, überlassen es dem Museum aber für einen langen, vertraglich definierten Zeitraum – oft fünf, zehn Jahre oder sogar auf unbestimmte Zeit.

Für das Museum ist das ein enormer Gewinn. Es kann seine Sammlung mit hochkarätigen Werken ergänzen, ohne Kapital zu binden. Für Sie ist der Vorteil dreifach: Erstens hängt Ihr Werk im institutionellen Kontext und erhält das begehrte Prestige. Zweitens steigert dies den Wert Ihrer anderen Arbeiten auf dem Markt. Drittens behalten Sie die Kontrolle und das Eigentum. Das Werk ist Teil der öffentlichen Wahrnehmung, aber es gehört weiterhin Ihnen.

Fallbeispiel: Die Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof

Ein prominentes Beispiel für die Macht dieses Modells ist die Sammlung Marx. Seit 1996 ist diese private Sammlung als Dauerleihgabe im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin präsent. Sie umfasst Schlüsselwerke von Künstlern wie Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Robert Rauschenberg und Andy Warhol. Ohne dass der deutsche Staat Millionen für Ankäufe ausgeben musste, wurde Berlin über Nacht zu einem zentralen Ort für die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Modell zeigt, wie private Leihgaben das Profil eines staatlichen Museums dauerhaft prägen können.

Die Dauerleihgabe ist eine Win-Win-Situation. Sie bietet eine Antwort auf die Frage: Wie kann meine Kunst institutionell sichtbar werden, wenn die Ankaufstöpfe leer sind? Indem Sie den Museen das anbieten, was sie am dringendsten brauchen: exzellente Kunst ohne Anschaffungskosten. Wenn Sie oder ein Sammler Ihrer Werke diesen Weg vorschlagen, öffnen Sie eine Tür, die für einen direkten Ankauf vielleicht verschlossen geblieben wäre. Es ist der ultimative „Vertragstrick“, um im Museum zu hängen und den eigenen Marktwert strategisch aufzubauen.

Warum der lokale Kunstverein oft der Türöffner für die Staatsgalerie ist

Viele Künstler fixieren sich auf die großen, nationalen Museen und übersehen dabei die wichtigste strategische Zwischenstation: den lokalen Kunstverein. In der spezifisch deutschen Kunstlandschaft sind Kunstvereine keine kleinen, unbedeutenden Schauplätze. Sie sind das Nadelöhr, durch das die Kunst von morgen gesichtet wird. Hier testen Kuratoren neue Positionen, hier knüpfen Sammler erste Kontakte, und hier sitzen oft dieselben Leute in den Vorständen, die auch in den Gremien der Museen oder Kulturstiftungen Einfluss haben.

Eine Einzelausstellung im regionalen Kunstverein hat eine enorme Signalwirkung. Sie zeigt, dass Ihre Arbeit einem kuratorischen und fachkundigen Urteil standgehalten hat. Ein Kunstverein ist das kuratierte Vorzimmer des Museums. Kuratoren von größeren Häusern beobachten sehr genau, was in den Kunstvereinen ihrer Region und darüber hinaus passiert. Es ist für sie eine risikoarme Möglichkeit, Künstler „live“ zu erleben, bevor sie eine große institutionelle Wette eingehen. Anstatt also Kaltakquise bei der Staatsgalerie zu versuchen, konzentrieren Sie sich darauf, im Programm eines renommierten Kunstvereins zu landen.

Das Netzwerk, das Sie hier aufbauen, ist Gold wert. Bei einer Vernissage im Kunstverein treffen Sie nicht nur auf ein interessiertes Publikum, sondern auf die lokale und regionale Kulturelite: Sammler, andere Künstler, Journalisten und eben auch Kuratoren. Die Atmosphäre ist persönlicher und zugänglicher als auf einer anonymen Kunstmesse. Hier entstehen die Gespräche, die Jahre später zu einem Museumsankauf führen können. Der Kunstverein ist der Ort, an dem Ihre Arbeit und Ihre Person für die Entscheider greifbar werden.

Symbolische Darstellung eines Netzwerks in einem Kunstverein mit einem roten Faden, der Werke und Besucher verbindet.

Dieses Bild symbolisiert perfekt die Funktion des Kunstvereins. Er ist ein physischer und sozialer Netzwerkknoten. Der rote Faden der Verbindungen, der hier gesponnen wird, führt direkt zu den Entscheidungsträgern. Ihre Aufgabe ist es, Teil dieses Gewebes zu werden. Eine Mitgliedschaft, regelmäßige Besuche von Ausstellungen und die Bewerbung für Förderpreise oder Ausstellungsformate des Vereins sind aktive Schritte, um auf den Radar zu kommen.

Wie Sie durch Jahresgaben in Kunstvereinen erste Sammler gewinnen

Innerhalb des Mikrokosmos Kunstverein gibt es ein besonders scharfes strategisches Werkzeug: die Jahresgabe. Jahresgaben sind limitierte Editionen oder Unikate, die von Künstlern exklusiv für die Mitglieder des Kunstvereins zu einem Vorzugspreis angeboten werden. Auf den ersten Blick mag es wie ein Verkauf unter Wert erscheinen. In Wahrheit ist es eine der effektivsten Methoden, um in private Sammlungen zu gelangen, die später von institutioneller Bedeutung sein können.

Die Mitglieder eines Kunstvereins sind oft passionierte Kunstliebhaber und angehende oder bereits etablierte Sammler. Sie sind die Keimzelle des Sammlermarktes. Eine Jahresgabe ist für sie eine risikoarme Möglichkeit, eine neue künstlerische Position zu erwerben. Für Sie als Künstler ist es ein trojanisches Pferd: Ihr Werk gelangt direkt in die Wohnzimmer und Büros von Menschen, die kulturell und oft auch wirtschaftlich einflussreich sind. Diese frühen Unterstützer werden zu Botschaftern Ihrer Arbeit. Wenn ein Kurator später über einen Ankauf nachdenkt, ist es ein starkes Signal, wenn Ihre Arbeit bereits in mehreren relevanten Privatsammlungen der Stadt vertreten ist.

Je mehr Kunst man sieht, desto näher will man ihr sein; je mehr Kunst man hat, desto sorgfältiger wird das Sammeln.

– Dirk Boll, Christie’s Vorstand, Robb Report 2024

Diese Aussage von Dirk Boll beschreibt exakt die Psychologie, die Jahresgaben so wirksam macht. Sie senken die Einstiegshürde und nähren die Sammelleidenschaft. Aus einem ersten, günstigen Kauf kann eine langfristige Beziehung zu einem Sammler entstehen, der Ihnen über Jahre treu bleibt. Das Modell des Museums Berggruen zeigt, wie aus leidenschaftlichen Privatsammlern dauerhafte Museumsstifter werden können. Heinz Berggruen, der seine Sammlung einst zu einem Freundschaftspreis an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verkaufte, begann selbst als Sammler kleinerer Werke. Jede große Sammlung hat einmal klein angefangen – oft mit einer Grafik oder einer Edition. Die Jahresgabe ist Ihre Eintrittskarte in diesen Kreislauf.

Versicherungswert vs. Marktwert: Das Risiko beim Verleihen an staatliche Häuser

Wenn Ihr Werk den Sprung in eine Museumsausstellung geschafft hat – sei es durch einen Ankauf, eine Leihgabe oder eine Ausstellung im Kunstverein – betritt es eine Zone erhöhten Risikos. Transporte, Hängung, Klimaschwankungen, Besucherströme: All das birgt Gefahren. Die Absicherung gegen Schäden und Verlust ist daher keine Nebensache, sondern ein zentraler Punkt, den Sie vertraglich wasserdicht regeln müssen. Hierbei ist die Unterscheidung zwischen Versicherungswert und Marktwert entscheidend.

Der Marktwert ist der Preis, den Ihr Werk aktuell bei einem Verkauf erzielen würde. Der Versicherungswert (oder Wiederherstellungswert) ist oft höher. Er berücksichtigt nicht nur den reinen Material- und Verkaufswert, sondern auch die Kosten, die entstünden, um ein vergleichbares Werk zu schaffen, oder den ideellen Verlust. Es ist entscheidend, dass im Leihvertrag der Versicherungswert klar definiert und vom Museum durch eine „Nagel zu Nagel“-Versicherung abgedeckt wird. Diese Versicherung schützt Ihr Werk vom Moment, in dem es Ihre Atelierwand verlässt, bis zu dem Moment, in dem es sicher zurückkehrt.

Besondere Vorsicht ist bei Teilschäden geboten. Ein Kratzer auf einer monochromen Leinwand kann einen wirtschaftlichen Totalschaden bedeuten, auch wenn das Werk physisch noch existiert. Der Vertrag sollte Klauseln zur Wertminderung enthalten. Wer legt diese fest? Wie wird sie berechnet? Die Beauftragung eines unabhängigen Gutachtens vor dem Verleih ist eine kluge Investition, um im Schadensfall eine solide Verhandlungsbasis zu haben. Dies ist besonders relevant in einem Markt, in dem laut einer Analyse von Christie’s 27% der Auktionsergebnisse auf die Top-10-Künstler entfallen. Für alle anderen ist der Wert jedes einzelnen Werkes umso kritischer zu schützen.

Ihre Checkliste für Leihverträge mit Museen

  1. Gutachten einholen: Lassen Sie vor dem Verleih ein unabhängiges Gutachten durch einen vereidigten Kunstsachverständigen erstellen, um den Wert festzulegen.
  2. Werte dokumentieren: Halten Sie Versicherungswert und Marktwert klar im Vertrag fest und definieren Sie die Unterschiede.
  3. Versicherung bestätigen lassen: Bestehen Sie auf einer schriftlichen Bestätigung der „Nagel zu Nagel“-Versicherung durch das Museum.
  4. Wertminderung regeln: Treffen Sie Zusatzvereinbarungen für den Fall von Teilschäden und die daraus resultierende Wertminderung.
  5. Zustandsprotokoll führen: Vereinbaren Sie detaillierte Zustandsprotokolle bei Übergabe und Rückgabe des Werkes, idealerweise mit hochauflösenden Fotos.

Unterschätzen Sie niemals die rechtliche und finanzielle Dimension eines Leihvertrags. Professionalität in diesem Bereich schützt nicht nur Ihr Werk, sondern sendet auch ein starkes Signal an das Museum: Sie sind ein Partner auf Augenhöhe.

Das Wichtigste in Kürze

  • Denken Sie wie ein Gremium: Liefern Sie den Kuratoren eine überzeugende Story und Argumente, die über die reine Ästhetik hinausgehen.
  • Nutzen Sie den Kunstverein als Hebel: Konzentrieren Sie Ihre Netzwerk-Energie auf diese kuratierten Vorzimmer der großen Museen.
  • Meistern Sie die Verträge: Setzen Sie Instrumente wie die Dauerleihgabe und wasserdichte Leihverträge als strategische Werkzeuge ein.

Wie werden Sie Kurator an einem Museum ohne Vitamin B?

Die Frage ist provokant formuliert, aber sie trifft den Kern der Sache. Der Weg in die Sammlung führt über die Menschen, die sie gestalten. Wie also baut man Beziehungen zu Kuratoren und Entscheidern auf, wenn man nicht über „Vitamin B“ – also ein bestehendes Netzwerk – verfügt? Die Antwort lautet: durch strategische Umwege und das Schaffen eigener Fakten. Statt zu versuchen, die Haustür der Staatsgalerie einzurennen, bauen Sie sich einen eigenen Eingang.

Eine alternative Route führt über die Basis. Initiativen wie der Studierenden-Kunstmarkt zeigen einen Weg auf. Hier berichten Sammler, dass sie durch den Kauf von Werken direkt von den Akademien nicht nur günstig einsteigen, sondern vor allem frühzeitig Kontakte zu den Talenten von morgen und deren Professoren knüpfen. Diese Professoren sind oft selbst in Gremien oder gut vernetzt. Sie bauen Ihr Netzwerk also von unten auf, organisch und auf der Basis von echtem Interesse an der Kunst. Es ist ein langfristiges Spiel, das aber authentischere Verbindungen schafft als jeder Smalltalk auf einer VIP-Messe.

Der vielleicht wichtigste Trend, der das alte „Vitamin B“-System aufbricht, sind neue, kollaborative Modelle. Die Zeiten, in denen ein einziges Museum eine singuläre Entscheidung traf, weichen auf. Der gemeinsame Ankauf des Karlsruher Skizzenbuchs von Caspar David Friedrich durch drei große deutsche Institutionen im Jahr 2024 ist ein wegweisendes Beispiel. Marion Ackermann, eine der beteiligten Generaldirektorinnen, nannte es ein Zukunftsmodell mit dem Motto: „Sharing is the new having!“. Für Künstler bedeutet das eine neue strategische Chance: Statt nur ein Haus zu überzeugen, können Sie Projekte oder Werkkomplexe entwickeln, die für eine Kooperation mehrerer Häuser interessant sind. Dies vervielfacht nicht nur Ihre Sichtbarkeit, sondern passt auch perfekt zum Zeitgeist der Vernetzung und der geteilten Ressourcen. Sie werden selbst zum Initiator, zum Kurator Ihrer eigenen institutionellen Karriere.

Letztendlich geht es darum, die alten Strukturen zu verstehen, um sie dann kreativ zu umgehen. Indem Sie neue, kollaborative Wege gehen, machen Sie sich von den traditionellen Gatekeepern ein Stück weit unabhängig.

Der Weg in die staatliche Sammlung ist kein Sprint, sondern ein Marathon mit strategisch platzierten Zwischenzielen. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Strategie zu entwickeln, indem Sie die Programme der Kunstvereine in Ihrer Umgebung analysieren und den ersten Schritt machen, um Teil dieses entscheidenden Netzwerks zu werden.

Häufige Fragen zum Ankauf durch Museen

Wer trägt die Versicherungskosten bei Dauerleihgaben?

In der Regel übernimmt das Museum die ‚Nagel zu Nagel‘-Versicherung während der Leihdauer.

Kann ich mein Werk zurückfordern?

Die Rückforderungsbedingungen müssen im Leihvertrag genau definiert werden, oft mit Mindestlaufzeiten.

Welche Rechte behält der Künstler?

Der Künstler bleibt Eigentümer und kann Bedingungen für Reproduktionsrechte und Ausstellungsfrequenz festlegen.

Geschrieben von Svenja Korb, Freie Kuratorin und Ausstellungsarchitektin mit Fokus auf Szenografie und Besuchererfahrung. 12 Jahre Tätigkeit für Kunstvereine, Off-Spaces und städtische Galerien.