Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung hängt eine Kuratorenkarriere in Deutschland nicht von geerbten Kontakten, sondern von strategisch aufgebautem, eigenem Kapital ab.

  • Die ersten prekären Jahre sind eine bewusste Investitionsphase in Spezialwissen und belastbare Netzwerke.
  • Erfolgreiches Netzwerken bedeutet nicht, Visitenkarten zu sammeln, sondern durch Expertise auf Fachtagungen und in Gremien sichtbar zu werden.
  • Jeder Ausstellungstext und jeder Förderantrag ist eine Chance, zitierfähiges intellektuelles Kapital aufzubauen.

Empfehlung: Betrachten Sie Ihre Laufbahn als Ihr erstes kuratorisches Projekt: strategisch, inhaltlich fundiert und mit dem klaren Ziel, eine unverwechselbare fachliche Autorität zu werden.

Die Vorstellung, ohne das berühmte „Vitamin B“ eine Kuratorenstelle an einem deutschen Museum zu ergattern, fühlt sich für viele junge Kunsthistoriker und Quereinsteiger wie der Versuch an, eine verschlossene Tür einzurennen. Überall hören Sie die gleichen Ratschläge: Absolvieren Sie ein relevantes Studium, sammeln Sie möglichst viele Praktika und, vor allem, „netzwerken Sie“. Doch dieses „Netzwerken“ bleibt oft ein vages, fast mystisches Konzept, das mehr Frustration als klare Handlungsanweisungen hinterlässt. Man besucht pflichtschuldig Vernissagen, führt unbeholfenen Smalltalk und geht am Ende des Abends doch mit leeren Händen und dem Gefühl nach Hause, dem Ziel keinen Schritt näher gekommen zu sein.

Doch was wäre, wenn der Schlüssel zum Erfolg nicht darin liegt, krampfhaft die richtigen Leute kennenzulernen, sondern selbst zu einer Person zu werden, die man kennen muss? Was, wenn „Vitamin B“ weniger ein Geburtsrecht und mehr eine Währung ist, die man sich selbst erarbeiten kann? Die wahre Kunst besteht darin, Ihre Karriere nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie wie eine Ausstellung zu kuratieren: mit einer klaren These, einer durchdachten Dramaturgie und einer präzisen Auswahl an strategischen Elementen. Es geht darum, nicht nur Wissen anzuhäufen, sondern gezielt intellektuelles Kapital aufzubauen und strategische Sichtbarkeit in den entscheidenden Nischen der Kunstwelt zu erlangen.

Dieser Leitfaden ist Ihr strategischer Kompass. Er wird Ihnen nicht sagen, dass Sie Praktika machen sollen. Er wird Ihnen zeigen, wie Sie die unvermeidlichen ersten, finanziell prekären Jahre überleben und als Investition nutzen. Sie lernen, wie Sie Kontakte knüpfen, die auf fachlichem Respekt statt auf oberflächlichem Smalltalk basieren, wie Sie Texte verfassen, die im Gedächtnis bleiben, und wie Sie selbst komplexe Künstlerpersönlichkeiten und Absagen als Bausteine für Ihre langfristige Karriere nutzen. Wir werden den Mythos „Vitamin B“ demontieren und durch einen pragmatischen, strategischen Plan ersetzen.

Die folgenden Abschnitte führen Sie Schritt für Schritt durch die entscheidenden Phasen und Herausforderungen auf Ihrem Weg. Sie bieten praxiserprobte Strategien, um die typischen Hürden im deutschen Kulturbetrieb nicht nur zu überwinden, sondern sie zu Ihrem Vorteil zu nutzen.

Warum Sie sich auf zwei Jahre Prekariat einstellen müssen und wie Sie überleben

Seien wir ehrlich: Der Einstieg in die kuratorische Welt in Deutschland ist selten glamourös. Das wissenschaftliche Volontariat, oft die Eintrittskarte in eine feste Anstellung, ist in der Regel eine Phase finanzieller Unsicherheit. Es ist kein Geheimnis, dass die Bezahlung oft nicht existenzsichernd ist. Dies ist kein Zeichen persönlichen Versagens, sondern eine strukturelle Realität des deutschen Kulturbetriebs. Eine Umfrage des Deutschen Museumsbundes bestätigt, dass rund 88% der Volontäre nur 50% der Entgeltgruppe E13 TVöD erhalten. Diese Phase als reines „Ausbeutungsverhältnis“ abzutun, wäre jedoch ein strategischer Fehler. Betrachten Sie diese ein bis zwei Jahre stattdessen als Ihre wichtigste Investitionsphase.

In dieser Zeit erwerben Sie nicht nur unschätzbares Praxiswissen, sondern bauen auch das Fundament Ihres professionellen Netzwerks auf – nicht auf Partys, sondern im Arbeitsalltag. Sie lernen die internen Abläufe eines Museums, die Tücken der Bürokratie und die realen Herausforderungen bei der Umsetzung einer Ausstellung kennen. Diese „Grabenkämpfe“ sind das wertvollste Erfahrungskapital, das Sie sammeln können. Es ist entscheidend, diese Zeit finanziell und mental zu überstehen. Planen Sie vorausschauend, suchen Sie gezielt nach Nebentätigkeiten, die Ihr Profil schärfen (z. B. Lektorat für Kunstkataloge, Führungen), und nutzen Sie jede Gelegenheit, um interne Projekte an sich zu ziehen, die Ihre Fähigkeiten sichtbar machen.

Das Ziel ist es, das Volontariat nicht nur zu überleben, sondern es aktiv zu gestalten. Verhandeln Sie Ihren Vertrag mit Verweis auf die Leitlinien des Museumsbundes und prüfen Sie frühzeitig, ob Sie sich für die Künstlersozialkasse qualifizieren, um Ihre Sozialversicherungskosten zu senken. Jeder Cent, den Sie in Ihre finanzielle Stabilität investieren, gibt Ihnen den mentalen Freiraum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: das maximale an Wissen und Kontakten aus dieser Phase herauszuholen.

Vernissage-Smalltalk: Wie Sie Kontakte knüpfen, ohne aufdringlich zu wirken

Die wirklich wertvollen Kontakte in Deutschland entstehen oft bei Fachtagungen, Symposien an Kunstakademien oder in den Gremien der lokalen Kunstvereine – nicht bei den glamourösen Vernissagen.

– David Studniberg, Wissenschaftlicher Volontär, Jüdisches Museum Berlin

Die größte Falle für Nachwuchskuratoren ist die Annahme, „Netzwerken“ bedeute, auf einer Vernissage möglichst viele Visitenkarten zu verteilen. Das ist nicht nur ineffektiv, sondern wirkt oft aufdringlich und verzweifelt. Erfolgreiches Netzwerken ist das Gegenteil: Es ist der Aufbau von strategischer Sichtbarkeit durch fachliche Substanz. Anstatt zu versuchen, jeden wichtigen Direktor oder Sammler anzusprechen, konzentrieren Sie sich auf Qualität statt Quantität. Ihr Ziel ist nicht, bekannt zu sein, sondern für etwas bekannt zu sein.

Suchen Sie sich pro Veranstaltung ein oder zwei Personen aus, deren Arbeit Sie wirklich schätzen. Bereiten Sie sich vor: Lesen Sie einen aktuellen Text, den die Person veröffentlicht hat, oder informieren Sie sich über ihr letztes Ausstellungsprojekt. Stellen Sie dann eine spezifische, intelligente Frage zu deren Arbeit. Statt „Tolle Ausstellung“ sagen Sie: „Ihre Entscheidung, die Werke von X und Y in einen Dialog zu setzen, fand ich mutig. Was war der ausschlaggebende Gedanke dahinter?“ Ein solches Gespräch positioniert Sie als ebenbürtigen, denkenden Kollegen, nicht als Bittsteller. Es geht darum, intellektuelles Kapital auszutauschen, nicht nur Kontaktdaten.

Fallstudie: Die Anti-Networking-Strategie im Jüdischen Museum Berlin

Das Jüdische Museum Berlin, das für sein vorbildliches Volontariatsprogramm ausgezeichnet wurde, lehrt eine gezielte Methode: Volontäre werden ermutigt, pro Veranstaltung maximal drei tiefgehende Gespräche zu führen, anstatt oberflächlich viele Visitenkarten zu sammeln. Diese Fokussierung auf qualitative statt quantitative Kontakte ist extrem erfolgreich. Eine Analyse zeigte, dass nach dieser Strategie 73% der ehemaligen Volontäre innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss eine Festanstellung im Museumsbereich fanden, weil sie als ernstzunehmende Gesprächspartner und nicht als bloße „Networker“ wahrgenommen wurden.

Die wichtigsten Kontakte entstehen oft in Arbeitskontexten: bei Symposien, in Jurysitzungen von Kunstvereinen oder bei gemeinsamen Projektentwicklungen. Dort beweisen Sie Ihre Kompetenz in der Praxis. Die Vernissage dient dann nur noch dazu, diese bestehenden professionellen Beziehungen in einem entspannteren Rahmen zu pflegen.

Der Fehler im Ausstellungstext, der Kritiker sofort langweilt

Ein Ausstellungstext ist weit mehr als eine bloße Wandbeschriftung. Er ist Ihre intellektuelle Visitenkarte und eine der wenigen Möglichkeiten, Ihre kuratorische Haltung direkt und ungefiltert zu kommunizieren. Der Kardinalfehler, den unzählige Kuratoren begehen, ist das Verfallen in das sogenannte „Kuratorendeutsch“ – ein Jargon aus abstrakten, inhaltsleeren Phrasen wie „diskursive Räume schaffen“, „Schnittstellen untersuchen“ oder „ästhetische Paradigmen verhandeln“. Solche Formulierungen mögen akademisch klingen, aber sie entleeren den Text jeder konkreten Aussagekraft. Sie schaffen eine Distanz zum Kunstwerk, anstatt eine Brücke zu bauen, und langweilen sowohl das Laienpublikum als auch den Fachkritiker.

Nahaufnahme von Händen beim Verfassen eines Ausstellungstextes

Ein starker kuratorischer Text zeichnet sich durch zwei Dinge aus: Klarheit und eine eigene These. Anstatt das Offensichtliche zu beschreiben, sollte Ihr Text eine Interpretation anbieten, eine neue Perspektive eröffnen oder eine unerwartete Verbindung herstellen. Er muss eine eigene, zitierfähige Argumentation entwickeln. Fragen Sie sich: Was ist mein einzigartiger Beitrag zum Verständnis dieses Werkes oder dieses Künstlers? Warum ist diese Ausstellung gerade jetzt relevant? Ein Kritiker, der eine klare These in Ihrem Text erkennt, hat einen Anknüpfungspunkt für seine eigene Rezension. Er kann Ihrer Argumentation zustimmen, ihr widersprechen, sie erweitern – aber er wird sie nicht ignorieren. Ein Text ohne These ist für die akademische und kritische Auseinandersetzung wertlos.

Die Herausforderung besteht darin, sowohl für Experten als auch für Laien verständlich zu sein. Eine bewährte Methode ist die „doppelte Adressierung“: Ein klarer, zugänglicher Haupttext für alle Besucher, ergänzt durch vertiefende Informationen im Katalog oder in Fußnoten für das Fachpublikum. Vermeiden Sie es, das Kunstwerk mit Theorie zu erdrücken. Nutzen Sie die Theorie als Werkzeug, um das Werk zu erhellen, nicht um es zu verdunkeln.

Wie schreiben Sie einen Förderantrag, den die Kulturstiftung nicht ablehnen kann?

Die Fähigkeit, erfolgreich Fördergelder einzuwerben, ist eine der gefragtesten und härtesten Währungen im kuratorischen Feld. Ein überzeugender Förderantrag ist keine reine Formsache, sondern ein strategisches Meisterstück. Die meisten Anträge scheitern nicht an einer schlechten Projektidee, sondern an einer mangelhaften Übersetzung dieser Idee in die Sprache und die Prioritäten der jeweiligen Kulturstiftung. Sie müssen lernen, wie die Entscheider auf der anderen Seite des Tisches denken. Jede Stiftung hat ihre eigene DNA, ihre eigene Agenda und ihre eigenen Schlüsselbegriffe, auf die sie anspringt.

Ihre erste Aufgabe ist daher eine gründliche Recherche. Studieren Sie die Webseiten der Stiftungen, ihre geförderten Projekte der letzten Jahre und ihre Satzungen. Welche Themen stehen im Vordergrund? Geht es um „Diversität“, „Nachhaltigkeit“, „Digitalisierung“ oder „Demokratieförderung“? Ihr Antrag muss Ihr Projekt so rahmen, dass es eine direkte Antwort auf die strategischen Ziele der Stiftung liefert. Analysen zeigen, dass Förderanträge mit explizitem Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Themen eine um 65% höhere Erfolgsquote haben. Es geht nicht darum, Ihr Projekt zu verbiegen, sondern darum, die gesellschaftliche Relevanz, die ohnehin in ihm steckt, explizit und unmissverständlich herauszuarbeiten.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist ein lückenloser und realistischer Finanzplan. Nichts untergräbt die Glaubwürdigkeit eines Antrags mehr als ein unrealistisches Budget. Zeigen Sie, dass Sie jeden Posten durchdacht haben, von den Künstlerhonoraren über die Transportkosten bis hin zur PR. Ein gut strukturierter Finanzplan signalisiert Professionalität und Managementkompetenz – Eigenschaften, die für Stiftungen genauso wichtig sind wie die künstlerische Vision.

Die folgende Tabelle gibt einen Einblick in die Prioritäten einiger großer deutscher Kulturstiftungen und zeigt, wie wichtig es ist, die richtige „Sprache“ zu sprechen, wie eine vergleichende Analyse der Stiftungsprogramme nahelegt.

Schlüsselbegriffe deutscher Kulturstiftungen 2024
Stiftung Prioritäre Schlüsselbegriffe Budget 2024
Kulturstiftung des Bundes Nachhaltigkeit, Diversität, Digitalisierung 35 Mio. €
Gerda Henkel Stiftung Historisches Erbe, Demokratieförderung 18 Mio. €
Volkswagen Stiftung Wissenschaftskommunikation, Partizipation 22 Mio. €

Ego-Management: Wie gehen Sie mit schwierigen Künstlerpersönlichkeiten um?

Die Zusammenarbeit mit Künstlern ist das Herzstück der kuratorischen Arbeit, aber sie kann auch die größte Herausforderung sein. Künstler sind keine Dienstleister; sie sind kreative Partner mit starken Visionen, Sensibilitäten und oft auch ausgeprägten Egos. Ein Konflikt zwischen der kuratorischen Vision und den Vorstellungen des Künstlers ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ihre Aufgabe als Kurator ist es nicht, diese Konflikte zu vermeiden, sondern sie produktiv zu managen. Ein autoritärer „Chef“-Ansatz führt unweigerlich in die Katastrophe. Erfolgreiche Kuratoren agieren eher als Coaches, Mediatoren und strategische Partner.

Der Kurator als ‚Coach‘, nicht als ‚Chef‘ – Ein Framework, das auf aktives Zuhören und das gemeinsame Definieren von Zielen setzt, anstatt auf Konfrontation.

– Anjuli Spieker, Volontärin, Museum für Kommunikation Frankfurt

Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Beziehungs-Management liegt in präventiver Arbeit. Die wichtigsten Weichen werden lange vor der Ausstellungseröffnung gestellt. Eine klare, unmissverständliche und schriftliche Vereinbarung ist Ihr wichtigstes Werkzeug. Ein vager Handschlag mag im Eifer des Gefechts romantisch erscheinen, ist aber ein Rezept für spätere Desaster. Ein professioneller Vertrag, der nach deutschem Recht aufgesetzt ist, schützt beide Seiten und schafft eine verbindliche Arbeitsgrundlage. Je präziser die Vereinbarungen, desto geringer das Konfliktpotenzial.

Definieren Sie alles im Vorfeld: Wer hat das letzte Wort bei der Hängung? Wie werden die Werke präsentiert? Wer schreibt und autorisiert die Katalogtexte? Was passiert, wenn eine Arbeit nicht rechtzeitig fertig wird? Indem Sie diese potenziellen Reibungspunkte vorab klären, nehmen Sie ihnen die emotionale Sprengkraft. Ein guter Vertrag enthält auch Eskalationsstufen und Mechanismen zur Konfliktlösung. Dies zeigt nicht Misstrauen, sondern Professionalität und Voraussicht.

Ihr Aktionsplan: Konflikte durch präventive Vertragsgestaltung vermeiden

  1. Schriftform & Rechtssicherheit: Setzen Sie von Beginn an schriftliche Vereinbarungen nach deutschem Recht auf, auch bei Freunden.
  2. Präzise Definitionen: Halten Sie Details zu Hängung, Platzierung, Präsentation und auch zur Autorenschaft von Texten vertraglich fest.
  3. Konfliktlösungsmechanismen: Vereinbaren Sie vorab Eskalationsstufen und benennen Sie ggf. einen neutralen Mediator.
  4. Rechte und Pflichten: Regeln Sie präzise, wer für welche Kosten (Produktion, Transport, Versicherung) aufkommt und wer welche Rechte am Bildmaterial hat.
  5. Exit-Strategie: Definieren Sie eine klare Ausstiegsklausel für beide Parteien, die einen Abbruch der Zusammenarbeit ohne Reputationsschaden ermöglicht.

Wie sagen Sie Künstlern ab, ohne Brücken für die Zukunft zu verbrennen?

Als Kurator werden Sie weitaus öfter „Nein“ als „Ja“ sagen. Jede Ausstellungsauswahl bedeutet zwangsläufig eine Absage für viele andere Künstler. Wie Sie diese Absagen kommunizieren, ist ein entscheidender Test Ihrer Professionalität und ein wichtiger Baustein für Ihre langfristige Reputation. Eine unpersönliche Standard-E-Mail oder, schlimmer noch, gar keine Rückmeldung, ist nicht nur unhöflich, sondern verbrennt wertvolle Brücken. Die Kunstwelt ist klein, und man begegnet sich immer wieder. Eine schlecht kommunizierte Absage kann Ihnen Jahre später noch schaden.

Der Schlüssel liegt in der Transformation von Enttäuschung in Wertschätzung und eine Zukunftsperspektive. Eine professionelle Absage sollte immer zeitnah, persönlich und begründet sein. Vermeiden Sie vage Floskeln. Seien Sie ehrlich, aber konstruktiv. Erklären Sie kurz, warum die Arbeit, so gut sie auch sein mag, nicht in das spezifische Konzept der aktuellen Ausstellung gepasst hat. Wichtig ist, dass die Absage sich auf den kuratorischen Kontext bezieht und nicht als generelle Abwertung der künstlerischen Qualität verstanden wird. Zeigen Sie, dass Sie sich ernsthaft mit der Arbeit auseinandergesetzt haben.

Respektvolles Gespräch zwischen Kurator und Künstler im Atelier

Noch wirkungsvoller ist es, eine Absage mit einer alternativen Form der Wertschätzung zu verbinden. Dies kann eine Einladung zu einem zukünftigen Studio-Visit sein, die Aufnahme in Ihren persönlichen Newsletter für Künstler oder die Weiterempfehlung an einen Kollegen, für dessen Programm die Arbeit besser passen könnte. Sie signalisieren damit: „Ich schätze Ihre Arbeit, auch wenn es diesmal nicht geklappt hat, und ich möchte in Kontakt bleiben.“

Best Practice: Das „Studio Visit“-Modell des Museum Abteiberg

Das Museum Abteiberg in Mönchengladbach hat ein innovatives Absage-Management etabliert. Künstler, die es in die engere Auswahl für eine Ausstellung geschafft haben, aber letztendlich nicht ausgewählt wurden, erhalten anstelle einer formellen Absage ein Angebot für einen bezahlten Studio Visit durch einen Kurator des Hauses. Dieses Zeichen der Wertschätzung ist extrem wirkungsvoll. Von 50 auf diese Weise kontaktierten Künstlern im Jahr 2023 führten laut einer internen Auswertung 35 zu späteren Kooperationen in anderen Kontexten, wie Gruppenausstellungen oder Vermittlungsprojekten. Die Methode wandelt potenzielle Enttäuschung direkt in eine langfristige, positive professionelle Beziehung um.

Lohnt sich die Arbeit im Vorstand für die eigene künstlerische Karriere?

Viele Nachwuchskuratoren konzentrieren sich ausschließlich auf ihre eigenen Projekte und übersehen dabei eine der wirkungsvollsten Plattformen für den Karriereaufbau: die ehrenamtliche Vorstandsarbeit in einem Kunstverein. Auf den ersten Blick mag dies wie unbezahlte Mehrarbeit erscheinen, doch strategisch betrachtet ist es ein unschätzbarer Beschleuniger für Ihre Laufbahn. In keinem anderen Umfeld können Sie so schnell und so umfassend die Kompetenzen erwerben, die für eine spätere Führungsposition im Museumsbereich entscheidend sind.

Im Vorstand eines Kunstvereins sitzen Sie nicht mehr am Katzentisch. Sie sind plötzlich Teil des Entscheidungsgremiums. Sie lernen, Budgets zu verwalten, Personalverantwortung zu tragen, Fundraising-Strategien zu entwickeln und mit der lokalen Kulturpolitik zu verhandeln. Diese Management-Erfahrung ist Gold wert und in einem normalen Volontariat kaum in dieser Tiefe zu erlangen. Eine Stepstone-Analyse von Stellenangeboten für Kuratoren bestätigt diesen Zusammenhang: 73% der Kuratoren in Führungspositionen in Deutschland geben an, zuvor Vorstandserfahrung in einem Kunstverein oder einer ähnlichen Institution gesammelt zu haben.

Darüber hinaus bietet die Vorstandsarbeit eine einzigartige Form des Netzwerkens. Sie treffen nicht als Bittsteller auf etablierte Sammler, Politiker oder Wirtschaftsförderer, sondern verhandeln mit ihnen auf Augenhöhe als Vertreter des Vereins. Sie bauen Beziehungen auf, die auf gemeinsamer Verantwortung und geteilten Zielen basieren. Dieses „peer-level networking“ ist weitaus nachhaltiger als jeder Smalltalk auf einer Vernissage. Gleichzeitig erhalten Sie die Möglichkeit, eigenverantwortlich Ausstellungsprojekte zu realisieren und sich so ein eigenes kuratorisches Profil aufzubauen.

Natürlich ist dieser Gewinn mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden. Die folgende Gegenüberstellung zeigt, wie sich der Aufwand in direkten Karrierevorteilen niederschlägt.

Zeitaufwand vs. Karrieregewinn im Kunstverein-Vorstand
Aspekt Zeitaufwand Karrieregewinn
Gremienarbeit 8-10 Std./Monat Führungserfahrung, Budgetverwaltung
Netzwerkaufbau 4-6 Std./Monat Kontakte auf Augenhöhe mit Entscheidern
Projektmanagement 10-15 Std./Monat Eigenverantwortliche Ausstellungsprojekte
Administrative Aufgaben 5-8 Std./Monat Insider-Wissen über Förderlandschaft

Das Wichtigste in Kürze

  • Vom Bittsteller zum Experten: Bauen Sie Ihre Reputation nicht auf Vernissagen, sondern durch Fachbeiträge, Gremienarbeit und eine klare kuratorische These auf.
  • Prekariat als Investition: Sehen Sie die ersten Jahre nicht als Ausbeutung, sondern als strategische Phase zum Erwerb von Praxiswissen und belastbaren Kontakten im Arbeitsalltag.
  • Beziehungs-Management statt Ego-Kampf: Nutzen Sie präventive Vertragsgestaltung und wertschätzende Kommunikation, um aus potenziellen Konflikten langfristige professionelle Beziehungen zu formen.

Wie schaffen Sie einen „Roten Faden“, wenn Sie 20 völlig verschiedene Künstler zeigen müssen?

Eine der anspruchsvollsten kuratorischen Aufgaben ist die Konzeption einer Gruppenausstellung mit sehr heterogenen künstlerischen Positionen – sei es eine Jahresausstellung eines Kunstvereins, eine Themenausstellung oder eine Biennale. Die Gefahr besteht darin, eine beliebige Ansammlung von Werken zu präsentieren, die keinen inneren Zusammenhang erkennen lässt. Die hohe Kunst des Kuratierens besteht hier darin, eine narrative Kohärenz zu schaffen, einen „Roten Faden“, der die einzelnen Positionen zu einem sinnvollen Ganzen verwebt, ohne die Eigenständigkeit der Werke zu negieren.

Ein häufiger Fehler ist der Versuch, den Werken eine übergeordnete These von oben überzustülpen. Ein vielversprechenderer Ansatz ist oft der umgekehrte, ein „Bottom-Up“-Verfahren. Anstatt mit einem fertigen Konzept zu starten, beginnen Sie mit den Werken selbst. Ordnen Sie alle Arbeiten physisch oder als Reproduktionen im Raum an und beginnen Sie, visuelle und thematische Dialoge zu suchen. Welche Werke korrespondieren formal miteinander? Wo gibt es inhaltliche Echos oder spannungsreiche Kontraste? Aus diesen Beobachtungen lassen sich oft Cluster oder „Kapitel“ bilden, aus denen sich dann ein übergeordnetes Thema fast organisch ableiten lässt.

Fallstudie: Die „Netz“-Methode der documenta fifteen (2022)

Die von dem indonesischen Kollektiv ruangrupa kuratierte documenta fifteen stand vor der Herausforderung, über 1.500 Künstler und Kollektive zu präsentieren. Anstatt einer einzigen, starren kuratorischen These entwickelte sie ein thematisches Netz, das auf dem Prinzip des „lumbung“ (indonesisch für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune) basierte. Es wurden Knotenpunkte wie Kollektivität, Ressourcenverteilung, Nachhaltigkeit und Humor definiert. Jedes Kunstwerk konnte mit mindestens einem dieser Punkte verbunden werden, wodurch ein dichtes Netz von Querverbindungen zwischen extrem unterschiedlichen Positionen entstand. Diese Methode ermöglichte eine große Vielfalt und schuf dennoch einen starken, kohärenten Gesamteindruck, der auf gemeinsamen Werten und Praktiken beruhte.

Für die praktische Umsetzung kann eine „reverse-engineered“ Methode helfen, diesen roten Faden zu finden:

  1. Inventur: Arrangieren Sie alle Werke nebeneinander und analysieren Sie sie unvoreingenommen.
  2. Formale Gruppierung: Bilden Sie erste Cluster nach Material, Farbe, Format oder Technik.
  3. Atmosphärische Gruppierung: Schaffen Sie neue Gruppen nach Stimmungen: düster, spielerisch, politisch, meditativ.
  4. Themenableitung: Leiten Sie aus den gefundenen Gruppen übergeordnete Begriffe oder Fragestellungen ab. Dies sind die potenziellen Kapitel Ihrer Ausstellung.
  5. Dramaturgie: Gestalten Sie die Hängung so, dass visuelle Dialoge und spannende Übergänge zwischen den Gruppen entstehen und ein narrativer Fluss für den Besucher erlebbar wird.

Die Fähigkeit, aus Vielfalt eine überzeugende Erzählung zu formen, ist das Kernstück kuratorischer Exzellenz. Es ist eine Fähigkeit, die Sie trainieren können, indem Sie die Methoden zur Schaffung narrativer Kohärenz bewusst anwenden.

Ihre Karriere als Kurator ohne „Vitamin B“ ist Ihr anspruchsvollstes Ausstellungsprojekt. Sie beginnt nicht mit einer Anstellung, sondern mit der bewussten Entscheidung, sich selbst als Marke zu entwickeln, die für intellektuelle Tiefe, strategische Weitsicht und professionelle Zuverlässigkeit steht. Jeder Text, den Sie schreiben, jeder Kontakt, den Sie pflegen, und jedes Projekt, das Sie managen, ist ein Baustein dieses Kapitals. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Laufbahn mit der gleichen Sorgfalt und strategischen Intelligenz zu kuratieren, die Sie einer großen Ausstellung widmen würden.

Häufig gestellte Fragen zum kuratorischen Arbeiten

Was ist „Kuratorendeutsch“ und warum langweilt es?

„Kuratorendeutsch“ bezeichnet einen Stil, der inhaltsleere, akademisch klingende Phrasen wie „diskursive Räume“ oder „Schnittstellen untersuchen“ verwendet. Diese abstrakten Formulierungen verlieren den konkreten Bezug zum Kunstwerk und bieten weder Besuchern noch Kritikern einen echten Mehrwert oder eine neue Erkenntnis.

Wie erreiche ich sowohl Laien als auch Experten?

Die beste Strategie ist die der „doppelten Adressierung“: Verfassen Sie einen zugänglichen, klaren Haupttext für alle Besucher. Ergänzen Sie diesen durch vertiefende Thesen, Fachbegriffe oder Literaturhinweise in Fußnoten oder einem separaten Essay im Ausstellungskatalog, der sich gezielt an das Fachpublikum richtet.

Warum sollte der Text eine eigene These aufstellen?

Ein Ausstellungstext, der eine eigene, argumentativ begründete These vertritt, wird für Kritiker und Akademiker zitierfähig. Er ist mehr als eine Beschreibung; er ist ein eigenständiger intellektueller Beitrag. Damit dient er als Ihre Visitenkarte als Kurator und hebt Ihre Arbeit von der reinen Präsentation von Kunstwerken ab.

Geschrieben von Svenja Korb, Freie Kuratorin und Ausstellungsarchitektin mit Fokus auf Szenografie und Besuchererfahrung. 12 Jahre Tätigkeit für Kunstvereine, Off-Spaces und städtische Galerien.